Buch 1997

Der Aufschwung beginnt im Wald

Die Bedeutung des Waldes für die Stadt Winterthur hat sich im Laufe der Zeit verändert: Lange Zeit war die höchstmögliche Rendite fast alleiniger Massstab allen forstwirtschaftlichen Strebens. Was primär interessierte, war das Quantum an nutzbarem Holz, kaum der Zustand des Waldes als Lebensraum.

Seit einigen Jahrzehnten ist man sich zunehmend der komplexen Aufgaben bewusst, die der Wald für die Stadt und Agglomeration erfüllt. Dementsprechend wird heute ein Grossteil der Winterthurer Wälder – insbesondere die Stadt- und die Staatswälder – nach dem Prinzip der Multifunktionalität bewirtschaftet. Das heisst: Die Bewirtschaftung berücksichtigt möglichst viele Waldfunktionen gleichzeitig. Zu diesen Waldfunktionen gehören neben der reinen Nutzfunktion auch die Schutzfunktion und die Erholungs- oder Wohlfahrtsfunktion.

Diese Waldfunktionen sind heute nicht mehr voneinander zu trennen. Ihr Wert lässt sich – im Gegensatz zum Holzertrag – kaum in Franken und Rappen ausdrücken. Sicher ist jedenfalls, dass Erholungs- und Schutzwert der Wälder den reinen Holzertrag bei weitem übertreffen. Die wirtschaftliche Bedeutung der Winterthurer Wälder hat in den vergangenen Jahrzehnten stark abgenommen. Grund: Die Waldbewirtschaftung ist heute ein reines Verlustgeschäft.

«Vorläufig trifft es zwar noch nicht zu, dass der Wald die grosse Nervenheilanstalt der Menschheit darstellt, aber er könnte es noch werden.»Paul Lang, Winterthurer Stadtforstmeister 1928–1960

Dafür rücken immer neue Werte der Wälder in den Vordergrund, deren Profiteure nicht mehr die Besitzer sind, sondern mehr und mehr die Allgemeinheit. Ein anschauliches Beispiel dafür sind die Schutzwälder in den lawinengefährdeten Bergtälern: Viele dieser Täler wären ohne den Schutz der Bannwälder kaum bewohnbar.

Schutz vor ökologischen Gefahren

Auch im Schweizer Mittelland erfüllen die Wälder wichtige Aufgaben zum Schutz von Menschen, Tieren und Pflanzen. Allerdings steht weniger der Schutz vor Lawinen, Steinschlägen, Wildbächen oder Erdrutschen im Vordergrund, als vielmehr der Schutz vor den ökologischen Gefahren, die unsere hochindustrialisierte Zivilisation mit sich bringt. Die Ausbreitung und Verdichtung der Siedlungsgebiete, der zunehmende motorisierte Verkehr und die Rationalisierung der Landwirtschaft haben den Wald zu einer eigentlichen Schutzinsel für Pflanzen und Tiere werden lassen. Aber auch stressgeplagte Städterinnen und Städter suchen im Wald mehr und mehr Erholung vom Alltag mit Lärm, Hektik und Abgasen. Im weiteren Sinne sind also auch die Winterthurer Wälder eigentliche Schutzwälder geworden.

Wälder gliedern die Landschaft

In unserer Landschaft haben Wälder eine wichtige Funktion als Strukturelemente: Sie gliedern und gestalten das Landschaftsbild. Dafür braucht es nicht nur grosse, geschlossene Waldgebiete; auch kleine Waldparzellen, Feld- und Bachufergehölze und Hecken haben als Strukturelemente eine ökologische Qualität, die weit über ihre flächenmässige Bedeutung hinausgeht.

Heute ist der Wald sowohl in seiner Ausdehnung als auch in seiner räumlichen Verteilung von Gesetzes wegen geschützt. Damit ist der Wald eines der wenigen Landschaftselemente, die eine sichere Zukunft haben. Seine Bedeutung als naturnaher Lebensraum wird um so grösser, je mehr sich die Siedlungsgebiete ausdehnen.

Wälder stabilisieren das ökologische Gleichgewicht. Weil sie natürlicherweise eine grosse genetische Vielfalt an Tieren- und Pflanzenarten aufweisen, gehören sie zu den aktivsten biologisch-ökologischen Elementen und tragen wesentlich zur Erhaltung der natürlichen Stoff- und Energiekreisläufe bei. Damit bilden sie als Gegenpol zu den ausgeräumten Agrarlandschaften wichtige Refugien für viele Tier- und Pflanzenarten. Zur stabilisierenden Wirkung des Waldes gehört auch der günstige Einfluss auf den natürlichen Wasserhaushalt:

  • Der Wald reguliert die Wasserführung von Flüssen und Bächen und verhindert damit die Gefahr von Überschwemmungen. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Versiegelung der Winterthurer Böden mit Asphalt und Beton ist diese regulierende Wirkung der Wälder besonders wichtig. Anstatt im Boden zu versickern, fliessen nämlich in Winterthur Jahr für Jahr viele Millionen Kubikmeter Niederschlagswasser oberflächlich ab und verschwinden in der Kanalisation.
  • Der Wald ist ein grosses Wasserreservoir. Dank der lockeren Struktur und dem feinen Netz von Hohlräumen, Wurzel- und Wurmkanälen kann er grosse Mengen Wasser speichern und anschliessend natürlich gefiltert an die Quellen und das Grundwasser abgeben. Selbst in Steilhangwäldern kann alles Niederschlags- und Schmelzwasser restlos im Boden versickern.

Während in früheren Jahrhunderten das Quellwasser für die Winterthurer Trinkwasserversorgung genügte, mussten schon im letzten Jahrhundert wegen des gestiegenen Wasserbedarfs zahlreiche Grundwasservorkommen angezapft werden. Heute liegt der Anteil des Quellwassers an der gesamten Trinkwasseraufbereitung im Bereich von wenigen Prozenten. Der ganze Rest stammt aus verschiedenen Grundwasservorkommen. Unermesslich wertvoll ist deshalb die Filterwirkung gesunder, stabiler Waldböden. Die Grundwasserströme in den Schotterschichten unter dem Stadtgebiet und unter der Töss weisen eine sehr gute Qualität auf, was nicht zuletzt auf die ausgedehnten Waldgebiete zurückzuführen ist.

Ein natürlicher Filter ist der Wald nicht nur für das Wasser, sondern auch für die Luft. Die Winterthurer Stadtluft ist seit Jahrzehnten durch Abgase, Lösungsmittel, Russ und Staub verschmutzt. Zeitweise so stark, dass vor allem Kinder und ältere Menschen vermehrt unter Atemwegserkrankungen leiden. Um so wichtiger sind deshalb die umliegenden Wälder, denn sie leisten einen wichtigen Beitrag zur Reinigung der Luft. Sie bremsen die Windgeschwindigkeit ab, wodurch vor allem schwerere Staubteilchen absinken. Eine Hektare Wald kann pro Jahr mehrere Dutzend Tonnen Staub und Russ aus der Luft herausfiltern. Waldluft ist denn auch viel weniger mit Staub und Russ belastet als die Stadtluft.

Nicht zuletzt spielen Wälder die entscheidende Rolle im Sauerstoffkreislauf der Natur: Die Atmung von Menschen und Tieren und die Verbrennung in Motoren, Heizungen, Schmelzöfen oder Verbrennungsanlagen brauchen riesige Mengen von Sauerstoff. Diesen Sauerstoff liefern die Wälder. Vereinfacht ausgedrückt, nehmen die Bäume aus der Luft das Kohlendioxid auf, das bei der Atmung und Verbrennung entsteht, und verwandeln es mit Hilfe von Sonnenlicht und Wasser in Sauerstoff. Im Wald oder in Waldnähe ist deshalb die Luft reicher an lebensnotwendigem Sauerstoff als zum Beispiel in der Innenstadt.

Entspannung im Winterthurer Wald

Das Stadtleben kann an die Gesundheit gehen: Der Alltag mit Lärm und Hektik, umgeben von Klimaanlagen und Kunstlicht, zerrt an den Nerven. Viele Stadtbewohnerinnen und -bewohner sind dadurch derart gestresst, dass sie unter ernsthaften Gesundheitsstörungen wie zum Beispiel erhöhtem Blutdruck, Schlafstörungen oder Herzproblemen leiden. Dadurch lässt ihre physische und psychische Widerstandskraft und ihre Leistungsfähigkeit nach. Wohltuend wirkt da die Stille des Waldes. In sauerstoffreicher Luft können hier die Städterinnen und Städter wieder richtig durchatmen und neue Energie tanken. Kein Wunder also, dass jedes Wochenende Tausende von Winterthurerinnen und Winterthurern in die umliegenden Wälder pilgern, um sich dort zu entspannen und zu erholen.

Je dichter die Menschen beieinander leben, desto wichtiger werden die umliegenden Wälder als Naherholungsräume. Die Winterthurer Wälder sind dafür besonders geeignet: Von allen Stadtquartieren aus erreicht man zu Fuss innert weniger Minuten eines der umliegenden Waldgebiete.

Von der steigenden Beliebtheit des Waldes als Ort der Entspannung und der Erholung zeugen auch die besonders seit Anfang dieses Jahrhunderts stetig gestiegenen Ausgaben für Erholungseinrichtungen.

Schon in den dreissiger Jahren hat die Stadtverwaltung zwei Reitwege im Eschenberg und im Lindberg angelegt. Ausserdem hat sie vor allem in den stark frequentierten Erholungswäldern auf dem Eschenberg, dem Lindberg und dem Brüelberg attraktive Fusswege angelegt.

An den zahlreichen Aussichtspunkten und Aussichtslagen laden zudem unzählige Sitzbänke und Feuerstellen zum Verweilen ein. Weitere wichtige und vielbesuchte Erholungseinrichtungen sind etwa die Kinderspielplätze bei den Walcheweihern und beim Bruderhaus, natürlich der Wildpark Bruderhaus, der Waldlehrpfad, der Findlingslehrpfad, die Vita-Parcours im Eschenberg- und im Hegibergwald und schliesslich der Fitnessparcours im Lindberg. Besondere Attraktion für Ausflüglerinnen und Ausflügler sind die Aussichtstürme auf dem Eschenberg (591m.ü.M.) und auf dem Brüelberg (546 m.ü.M.).

Geringer Pro-Kopf-Anteil

Zwar ist der Anteil des Waldes an der Gesamtfläche der Stadt Winterthur verglichen mit anderen Städten überdurchschnittlich hoch, doch dieser Waldanteil erscheint in einem anderen Licht, wenn man ihn auf die Wohnbevölkerung bezieht. Der Waldanteil pro Kopf liegt nämlich in Winterthur mit rund 2,95 Aren oder 295 Quadratmetern nicht nur weit unter dem schweizerischen Durchschnitt von 17,55 Aren pro Kopf, sondern sogar noch deutlich unter dem kantonalen Mittel von 4,09 Aren. Diese Berechnung mag als unnütze Zahlenspielerei erscheinen. Sie bekommt aber in unserer zunehmend freizeitorientierten Gesellschaft eine grosse Bedeutung.

Für Kinder und Jugendliche, die in der Stadt aufwachsen, ist der Wald als Erholungsund Erlebnisraum besonders wichtig. Dies haben Anfang der neunziger Jahre auch junge Winterthurer Naturwissenschafterinnen und Naturwissenschafter erkannt. Sie gründeten einen Verein, den sie Waldschule Winterthur genannt haben und dessen Ziel es ist, Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen die Natur, vor allem aber den Wald auf spielerische und erlebnisreiche Weise näherzubringen. Dass diese Art von Naturkunde und -erkundung heute ein echtes Bedürfnis ist, beweisen die Teilnehmerzahlen: Jahr für Jahr besuchen mehrere hundert Kinder und Erwachsene die von der Waldschule Winterthur professionell durchgeführten Veranstaltungen wie Waldexkursionen, Vorträge und kulturelle Anlässe rund ums Thema Wald.

Die Erholungs- und Erlebnismöglichkeiten in der Natur werden in Zukunft noch wichtiger werden, denn mit zunehmender Bevölkerungs- und Siedlungsdichte steigt der Erholungsdruck auf die umliegenden Naturräume. Und damit steigt natürlich auch die Bedeutung intakter, vielfältiger und naturnaher Wälder für die Erholung und die Gesundheit der städtischen Bevölkerung. Heute leben in Winterthur auf jedem Quadratkilometer rund 1323 Menschen, im Jahre 1836 waren es noch 178. Betrachtet man nur die überbaute Fläche der Stadt, so leben heute auf jedem Quadratkilometer 5630 Menschen.

Nimmt man nun an, dass in Zukunft die Zersiedelung der Landschaft weitergehen wird, die Verkehrsströme zunehmen, die Landwirtschaft intensiver und die Siedlungsgebiete dichter werden und dabei die naturnahen Grünräume aus der Stadt verdrängen, lässt sich bereits heute das unermessliche Erholungsbedürfnis der kommenden Generationen erahnen. Ganz selbstverständlich wird dann der bedingungslose Schutz intakter Naturräume in Stadtnähe.

«Für Parkanlagen auf teurem städtischem Boden verlangt kein Mensch eine finanzielle Rendite. Darum sollten auch die Waldungen mehr vom Standpunkt der Nützlichkeit für den Menschen betrachtet werden.»Paul Lang, Stadtforstmeister 1928–1960

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Michael Wiesner ist Biologe. Er hat an der ETH Zürich Naturwissenschaften studiert und in der Fachrichtung Geobotanik bei Prof. Dr. Elias Landolt abgeschlossen. Seine Beiträge finden sich auch auf Facebook, auf Twitter, auf Flickr, auf Vimeo und auf Youtube.

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