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Waldgebiet Hulmen: Ein Geheimtipp für Naturfreunde

Auf dem Hulmen steht der höchstgelegene Wald auf dem Gebiet der Stadt Winterthur. Und mittendrin, auf 687 Metern über Meer, liegt auch der höchste Punkt der Stadt. Der Hulmen, ganz im Südosten Winterthurs, hat viele Gesichter und gehört zweifelsohne zu den abwechslungsreichsten, schönsten und ruhigsten Waldgebieten der Stadt. Sowohl die Nordseite gegen Ricketwil hinunter als auch die Gebiete Grasboden und Hintertobel auf der Südseite gegen das Heidertal hinunter bieten dem Naturfreund eine Vielzahl gänzlich unterschiedlicher Waldstrukturen und -typen. Darüber hinaus finden sich im Westteil gegen Eidberg naturschützerisch wertvolle Waldränder, an denen zahlreiche Vögel und Insekten beobachtet werden können.

Frisch gelichteter Wald: Grosse Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten an der Neuwingertenstrasse (Fotos: Michael Wiesner)
Frisch gelichteter Wald: Grosse Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten an der Neuwingertenstrasse (Fotos: Michael Wiesner)

Besitzverhältnisse

Das Waldgebiet Hulmen ist etwa je zur Hälfte Eigentum von Privatwaldbesitzern und der Stadt Winterthur. Die knapp zwei Dutzend Privatwaldparzellen befinden sich im nördlichen Teil, das heisst nördlich der Achse Rosengartenstrasse-Tobelrütistrasse und westlich der Stellistrasse. Der südliche Teil bis hinunter ins Heidertal ist Eigentum der Stadt. Der heutige Stadtwald auf dem Hulmen gehörte der ehemaligen Zivilgemeinde Eidberg und kam mit der Eingemeindung der Vororte 1922 in den Besitz der Stadt Winterthur.

Geologie

Das Oberflächengestein auf dem Hulmen besteht auf der Nord- und der Südseite vorwiegend aus der Oberen Süsswassermolasse (Tertiär). Auf dem leicht gegen Westen abfallenden Hochplateau hingegen finden sich Reste von Ablagerungen der letzten Eiszeit (Quartär) vor rund 20’000 Jahren und an den Berghängen stellenweise auch Hanglehm.

Waldgesellschaften

Vegetationskundlich lässt sich der Hulmen-Wald in drei grosse Gebiete unterteilen. Der Nordteil besteht überwiegend aus unterschiedlichen Ausprägungen von Waldhirsen-Buchenwäldern. Diese Gesellschaften sind im Kanton Zürich recht häufig und auch fast der gesamte Eschenbergwald besteht aus ihnen. Waldhirsen-Buchenwälder sind typisch für Nordhänge auf der submontanen Stufe und bilden wüchsige Bestände, die über 30 Meter hoch werden und meist stark geschlossen sind. Ihnen sind einzelne Tannen, Fichten und Bergahorne beigemischt. Die Buche ist hier recht konkurrenzfähig und die Strauchschicht ist häufig nur schwach ausgebildet. Typische Krautpflanzen sind Waldmeister, Goldnessel, Geissbart, Bärlauch oder Ährige Rapunzel.

Im westlichen Teil finden sich unterschiedliche Ausprägungen von Waldmeister-Buchenwäldern. Diese eher artenarmen Waldgesellschaften sind in Winterthur sehr verbreitet und in fast allen Stadtteilen anzutreffen: auf dem Etzberg und Lindberg genauso wie auf dem Wolfensberg und dem Chomberg. Waldmeister-Buchenwälder kommen auf lehmigen, leicht basischen Böden vor. Dominante Baumart ist die Rotbuche, die hier sehr hochwüchsig gedeiht und mehr oder weniger geschlossene Bestände bilden kann. Die Strauchschicht ist wie in den Waldhirsen-Buchenwäldern nur schwach ausgebildet. Typische Arten der Krautschicht sind das jeweils früh blühende Buschwindröschen, der etwas später blühende Waldmeister oder das Einblütige Perlgras. Auf eher sauren Stellen gedeihen Waldhainsimsen-Buchenwälder.

Die grösste Vielfalt an Waldgesellschaften zeigt sich im Südteil des Hulmens. Hier kommen neben den bereits erwähnten Waldhirsen-Buchenwäldern und Waldmeister-Buchenwälder vor allem grössere Ausdehnungen von Lungenkraut-Buchenwäldern und Zahnwurz-Buchenwäldern vor. Letztere dehnen sich auf eher basischen Böden aus. Neben diesen Buchenwaldgesellschaften finden sich am Südhang auch Eschenwälder. Der besondere Reichtum an Tier- und Pflanzenarten am Hulmen-Südhang machen vor allem die lichten Wälder aus, die entweder dem Bergseggen-Buchenwald, dem Blaugras-Buchenwald, dem Weisseggen-Buchenwald, dem Blaugras-Buchenwald oder dem Eiben-Steilhang-Buchenwald zuzurechnen sind. Alle diese Waldgesellschaften werden unter dem Namen Orchideen-Buchenwälder zusammengefasst.

Waldränder

Von den rund 130 Kilometern Waldränder auf dem Gebiet der Stadt Winterthur sind rund 35 Kilometer ökologisch wertvoll. Dieser hohe Anteil ist unter anderem auf das Waldrandpflegekonzept der Stadt Winterthur zurückzuführen, das im Jahr 2003 in Kraft gesetzt wurde und vom Kanton finanziell gefördert wird.

Einige dieser wertvollen Waldränder finden sich auch am Hulmen, zum Beispiel im Westteil gegen Eidberg hinunter. Dort, an Rütibühlstrasse, werden die Waldränder vom städtischen Forstdienst regelmässig gepflegt, um eine grosse Vielfalt unterschiedlicher Kleinstrukturen zu erhalten. Ohne diese Pflege würde der Wald auf den Weg hinausdrängen und die schmale Kraut- und Strauchschicht überwachsen. Doch genau diese Strukturen sind ökologisch besonders wertvoll. Hier gedeihen Wasserdost, Hauhechel, Holunder, Hasel, Heckenrose oder Weissdorn. Diese bieten vielen Kleintieren geschützte Plätze für die Fortpflanzung und zahlreichen Tierarten wie Sperber, Neuntöter, Insekten oder Spinnen Nahrung. Waldränder wie jene am Hulmen bieten wenigstens teilweise Ersatz für die vielerorts verschwundenen Hecken in der Agrarlandschaft.

Eibenförderung

In geschlossenen Buchenwäldern haben viele Baumarten keine Chance gegen die grosse Konkurrenzkraft der Rotbuche. Eine seltene und langfristig gefährdete Baumart in solchen Beständen ist die Eibe. Sie bildet einen besonderen Lebensraum für Tiere. Seit Beginn des Mittelalters gingen die Eibenbestände kontinuierlich zurück. Das harte und dehnbare Holz der Eibe war im Mittelalter ein begehrtes Material für die Langbögen der Bogenschützen. Heute fehlen häufig ganz junge Bäume und solche mittleren Alters, denn die Verjüngung der Eibe ist problematisch: Junge Eiben brauchen Licht und werden gerne von Rehen und Hirschen verbissen. Offenbar schadet ihnen die giftige Eibe nicht. Für Menschen und Pferde sind mit Ausnahme der roten Scheinbeere (ohne Samen!) alle Teile der Eibe giftig.

Weil die Eibe mittlerweile als seltene Baumart gilt, hat der Kanton Zürich eine Eiben-Förderungsstrategie entwickelt und 2008 entsprechende Richtlinien in Kraft gesetzt. Ziel dieser Strategie ist es, wieder nachhaltige Eibenbestände aufzubauen. Diesen Aufbau unterstützt der Kanton mit finanziellen Mitteln; das gilt für Eiben-Verjüngungen genau so wie für die Förderung bestehender Eiben. Die Stadt Winterthur hat mittlerweile ein Projekt Eibenförderung initiiert. Zeugen dieser Initiative sind die bereits erkennbaren schönen Eibenbestände am Hulmen-Südhang, beispielsweise am nördlichsten Punkt des Langtannenwegs. Weil die Eiben sehr langsam wachsen, müssen sie einzeln gegen Wildverbiss geschützt werden.

Lichte Wälder

Eine besondere Pflege brauchen auch die zahlreichen lichten Wälder am Hulmen-Südhang. Lichte Wälder sind Rückzugsorte für seltene Tier- und Pflanzenarten. Sie übernehmen gewissermassen die Funktionen von Magerwiesen und von früheren Bewirtschaftungsformen im Wald. An der Neuwingertenstrasse findet sich ein interessantes Beispiel – ein kürzlich gelichteter Wald auf einem trockenen, mageren Standort mit seltenen Pflanzen: Elsbeere, Mehlbeere, Eibe, Purpur-Orchis, weisses Waldvögelein oder Gefranster Enzian. Damit der lichte Wald und mit ihm seine Artenvielfalt erhalten bleiben und seine Verbuschung verhindert wird, muss das Gebiet in Zukunft regelmässig gemäht werden.

Und genau in diesem Gebiet wurden im Jahr 2010 erstmals zwei Wildschweine erlegt. Dies erstaunt, ging man doch bisher davon aus, dass Wildschweine fast ausschliesslich nördlich der Autobahn durch die Wälder streifen.

Eine Waldgesellschaft beschreibt lediglich die potentielle natürliche Vegetation, nicht den tatsächlich vorhandenen Baumbestand.

Fotos

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Frühmorgendlicher Spätsommerwald auf dem Hulmen beim höchsten Punkt der Stadt Winterthur
Frühmorgendlicher Spätsommerwald auf dem Hulmen beim höchsten Punkt der Stadt Winterthur

Forstumgang 2012

Mitte September 2012 fand am Hulmen-Südhang der Forstumgang 2012 für die Mitglieder des Stadtrats und des Gemeinderats sowie für höhere Beamte und Gäste der Stadt Winterthur statt. Der städtische Forstbetrieb als Organisator dieses Anlasses setzte folgende Themen auf die Agenda des rund viereinhalbstündigen Spaziergangs:

  1. Waldrandpflege
  2. Privatwald
  3. Eibenförderung
  4. Lichter Wald
  5. Asiatischer Laubholzbockkäfer

Nachfolgend einige Impressionen von diesem Forstumgang:

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Michael Wiesner ist Biologe. Er hat an der ETH Zürich Naturwissenschaften studiert und in der Fachrichtung Geobotanik bei Prof. Dr. Elias Landolt abgeschlossen. Seine Beiträge finden sich auch auf Facebook, auf Twitter, auf Flickr, auf Vimeo und auf Youtube.

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