Forstleute auf dem Waldumgang um 1905 mit Stadtforstmeister Friedrich Arnold (3.v.l.) (© Stadtbibliothek Winterthur)
Geschichte

Forstumgang als Zankapfel der Politik

Man kann gewiss nicht behaupten, der Winterthurer Forstumgang sei eine unpolitische Veranstaltung. Zum einen sind es ja gerade die Politikerinnen und Politiker sowie die Chefbeamten der Stadt Winterthur, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts jährlich zu diesem Anlass eingeladen werden.

Und wo so viel politisches Personal versammelt ist, wird politisiert, auch auf Waldwegen, auf Rastplätzen sowieso. Man politisiert mit Verbündeten und Widersachern – informell zwar, aber dafür über die Grenzen der eigenen Partei hinaus. Und zum anderen, geht es beim Forstumgang auch darum, den Parlaments- und Regierungsvertreterinnen und -vertretern gewissermassen am lebenden Objekt zu demonstrieren, welche realen Folgen ihre politischen Entscheidungen im Stadtwald als Eigentum der öffentlichen Hand haben und wo allenfalls auf politischer Seite Handlungsbedarf besteht.

Forstumgang 2012 mit Stadtforstmeister Beat Kunz (v.r.): Am lebenden Objekt die Folgen politischer Entscheidungen demonstrieren (Foto: Michael Wiesner)
Forstumgang 2012 mit Stadtforstmeister Beat Kunz (v.r.): Am lebenden Objekt die Folgen politischer Entscheidungen demonstrieren (Foto: Michael Wiesner)

Dass aber der Forstumgang selber zu einem Zankapfel der Politik wird, darf als ungewöhnlich bezeichnet werden. Insbesondere in einer Stadt, in der bürgerliche wie sozialdemokratische Kräfte seit je her in einer – mehr oder weniger – friedlichen Koexistenz gemeinsam nach konstruktiven Lösungen suchen. Im Jahr 1931 aber verursachte eben dieser Forstumgang ein politisches Scharmützel. Am Ende verweigerte die sozialdemokratische Fraktion des Grossen Gemeinderates ihre Teilnahme an diesem traditionellen Anlass.

Was war geschehen? Zeigten sich die Genossen als verantwortungsvolle Staatsbürger oder waren sie einfach nur Spassbremsen? Um dies zu verstehen, muss man sich die Situation Winterthurs Anfang der Dreissigerjahre vor Augen führen: Im Oktober 1929 beendete ein Börsencrash in den USA die Wachstumsphase der goldenen Zwanziger. Es folgte eine der schwersten Krisen in der Weltwirtschaft mit einem Zusammenbruch des globalen Finanzsystems, mit einem Währungskrieg und der schwersten Depression des 20. Jahrhunderts. Davon betroffen waren weltweit vor allem die Fabrikarbeiter. Und damit traf die Krise ganz besonders auch die Arbeiterstadt Winterthur als wichtiger Standort grosser Metall- und Maschinenfabriken. Die Folgen für Winterthur waren denn auch verheerend: Die Arbeitslosenquote stieg auf horrende 30 Prozent. Für Notstandsbeschäftigungen der Arbeiter und für die Arbeitslosenhilfe wendete die Stadt viele Millionen Franken auf. Weil die bürgerlichen Demokraten in Winterthur damals eine sozialliberale Haltung vertraten, blieben Grabenkämpfe mit den Sozialdemokraten weitgehend aus. In Bezug auf den Forstumgang vom 3. Oktober 1931 waren die Meinungsdifferenzen offensichtlich unüberbrückbar.

Die sozialdemokratische Gemeinderatsfraktion war der Meinung, es sei auf den Forstumgang ausnahmsweise zu verzichten und das Geld für das übliche gemeinsame Nachtessen der freiwilligen Arbeitslosenhilfe zukommen zu lassen. Sie schrieb dem Stadtrat am 24. September 1931 den nachfolgenden Brief:

Die Sozialdemokratische Gemeinderatsfraktion an den Stadtrat von Winterthur.
An den Stadtrat von W i n t e r t h u r .

Herr Präsident!
Herren Stadträte!

Sie haben die Freundlichkeit, die  Mitglieder des Grossen Gemeinderates auf den 3. Oktober nächsthin zum üblichen Forstumgang einzuladen. Anschliessend an die Waldbesichtigung sehen Sie ebenfalls das übliche, gemeinsame Nachtessen vor.Die Sozialdemokratische Fraktion des Grossen Gemeinderates erlaubt sich, Ihnen das Gesuch zu unterbreiten, es sei für dieses Jahr auf den Forstumgang der Behörden zu verzichten; und es sei der Betrag, den das Forstamt bis jetzt für die Verpflegung und Bewirtung der Behördemitglieder anlässlich des Forstumganges aufwandte, für diesen Herbst dem Fonds des Fürsorgeamtes für die freiwillige Arbeitslosenhilfe zu überweisen.Gerne hoffend, Herr Präsident, Herren Stadträte, dass unserem Gesuche Folge gegeben werde, zeichnet hochachtend:

Für die Sozialdemokratische Fraktion
des Grossen Gemeinderates
Der Präsident:

(Unterschrift)

Kopie geht an Herrn Stadtrat Freitag, zur Kenntnisnahme.

Das damalige Forst- und Landwirtschaftsamt mit Stadtforstmeister Paul Lang verwies nur einen Tag später, am 25. September 1931, zuhanden des Stadtrates auf die grosse Bedeutung des traditionellen Forstumgangs. Es liess dem Stadtrat folgendes Schreiben zukommen:

An den Stadtrat
Hier

Wir beziehen uns auf die uns übermittelte Kopie einer Eingabe der sozialdemokratischen Fraktion des Grossen Gemeinderates vom 24. September 1931 in Sachen „Forstumgang 1931“, lt. welcher Ueberweisung des einzusparenden Betrages an die freiwillige Arbeitslosenhilfe beantragt wird. Wir gestatten uns dazu folgende Ausführungen:

Die Durchführung des Forstumgangs ist Tradition und dient in erster Linie dazu, die Mitglieder des Grossen Gemeinderates mit den städt. Forstverhältnissen bekannt zu machen und zugleich auch, um grössere Arbeiten, die gemacht wurden oder ausgeführt werden sollen, auf dem Lokal zu zeigen. Nicht zuletzt dient der Forstumgang dem Sichverstehenlernen und Besserkennenlernen der Mitglieder des Grossen Gemeinderates unter sich und mit den Mitgliedern des Stadtrates. Die Ausgaben für den Forstumgang sind sehr verschieden; sie differieren zwischen Frs. 400.– bis Frs. 1000.– Jn Zeiten der Not, wenn wir so sagen dürfen, hat man allerdings schon den Forstumgang kürzer und einfacher durchgeführt, eigentlich schon seit der Vereinigung, aber aufgehoben hatte man denselben nie. Die Forstverwaltung legt nun Wert darauf, den Umgang mit den Behörden durchzuführen. Wir möchten die Strassen zeigen, die seit Beginn 1922 in Wolfensberg und Lindberg ausgeführt wurden. Mit einer Vereinfachung der Verpflegung können wir uns sehr wohl einverstanden erklären. Wir haben ca. 17½ Uhr einen „Zabig“, bestehend aus heisser Wurst, Brot und Wein (Sauser aus den Stadtreben) vorgesehen beim Walkeweiher. Der Schluss könnte dann um ca. 19 Uhr stattfinden. Gar nichts zu verabreichen, scheint uns nicht angebracht zu sein. Die Kosten werden sich bei dieser Durchführung auf ca. Frs. 250.– belaufen. Eine Ueberweisung dieser Einsparung von Frs. 3–500.– an die freiwillige Arbeitslosenhilfe kann aber unmöglich erfolgen,da die Stadtverwaltung als solche ja diese Jnstitution mit Mitteln ausstatten muss. Der Vollständigkeit halber sei übrigens noch angeführt, dass die Forstverwaltung durch Abgabe von verbilligtem Brennholz bereits Frs. 5–6000.– an diese Arbeitslosenhilfe beigetragen hat und weitere Lieferungen noch erfolgen werden.–

Wir möchten Jhnen daher empfehlen, auf die von uns vorgeschlagene Lösung einzutreten. Die „Wahllüfterl“ können ruhig in Elgg und andernorts losgelassen werden, wo ein freiwilliger Beitrag an die Arbeitslosenfürsorge in noch grösserem Betrage eingebracht werden könnte.

Forst & Landwirtschaftsamt
der Stadt Winterthur

Der Stadtrat war offenbar von dieser Argumentation überzeugt und hielt an der Durchführung des Forstumgangs fest, war aber bei der Verpflegung zu Kompromissen bereit. Er liess dies auch die Sozialdemokratische Fraktion wissen.

Diese allerdings konnte sich der Meinung des Stadtrates nicht anschliessen und schrieb diesem am 2. Oktober 1931 folgenden Brief:

An den Stadtrat von W i n t e r t h u r .

Herr Präsident !
Herren Stadträte !

In unserer Anregung vom 24. September letzthin, es möchte für diesen Herbst auf den üblichen Forstumgang verzichtet und der so eingesparte Betrag der freiwilligen Arbeitslosenfürsorge gutgeschrieben werden, liessen wir uns von dem Wunsche leiten, die städtischen Behörden möchten den wirtschaftlichen Zeitverhältnissen Rechnung tragen und ein kleines Opfer bringen zugunsten der von Arbeitslosigkeit Betroffenen.

Durch den Beschluss der Mehrheit des Stadtrates, es sei der Forstumgang dennoch abzuhalten, bloss die Verpflegung der Teilnehmer zu vereinfachen, aber von einer Zuweisung an die freiwillige Arbeitslosenfürsorge abzusehen, ist dem Sinn unserer Anregung leider nicht Rechnung getragen worden.

Wir wenden uns nicht gegen die Sitte des Forstumganges durch die Behörden; dieselbe hat ihren Sinn und kann guten Zweck erfüllen. Aber wir glauben, dieser Brauch hätte an Ansehen in der Bevölkerung nur gewinnen können, wenn den Zeitverhältnissen entsprechend diesmal das kleine Opfer gebracht worden wäre.

Die Sozialdemokratische Fraktion des Grossen Gemeinderates bedauert, unter obwaltenden Umständen dieses Jahr sich am Forstumgang nicht beteiligen zu können.

Hochachtend !

Für die Sozialdem. Fraktion des
Grossen Gemeinderates,
Der Präsident:

Kopie geht an Herrn Stadtrat Freitag.

Bildlegende: Forstleute auf dem Waldumgang um 1905 mit Stadtforstmeister Friedrich Arnold (3.v.l.) (© Stadtbibliothek Winterthur)

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Michael Wiesner ist Biologe. Er hat an der ETH Zürich Naturwissenschaften studiert und in der Fachrichtung Geobotanik bei Prof. Dr. Elias Landolt abgeschlossen. Seine Beiträge finden sich auch auf Facebook, auf Twitter, auf Flickr, auf Vimeo und auf Youtube.

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