Tiere

Erdkröte

Frühjahrswanderung: Erdkröte verlässt Bodenhöhle (Fotos: Jakob Forster)

Die Erdkröten verbringen den Winter im Wald oder doch mindestens in Waldnähe. In tiefen Erdlöchern sind sie recht gut vor zu grosser Kälte geschützt. Ende März erwachen die Tiere aus dem Winterschlaf. Die ansteigende Temperatur und eine innere Uhr wecken die Kröten eines Waldes fast am selben Tag, viele sogar zur selben Stunde. Wozu dient wohl diese zunächst recht seltsam wirkende Erscheinung?

Laichwanderung

Unmittelbar nach der grossen gemeinsamen «Tagwache» wandern die Kröten, Weibchen und Männchen, zu einem in der Nähe gelegenen Weiher. Sie kennen einander nicht, es gibt weder Paare, die ein ganzes Leben lang zusammenbleiben, noch Familien. Im Weiher aber soll eine grosse Hochzeit mit möglichst vielen Paaren stattfinden. Das ist aber nur möglich, wenn die vielen Kröten, welche einzeln in einem grossen Waldstück überwintern, miteinander erwachen und zusammen dem gleichen Wasser zustreben. Auf dieser Wanderung und zum Teil auch noch im Wasser lernen die Krötenmännchen ihre Weibchen kennen. Wir Menschen und auch viele Tiere brauchen dazu in erster Linie die Augen. Das gilt aber ganz und gar nicht für die Kröten, die wir nun auf der Wanderung zum Weiher genau beobachten wollen.

Erdkrötenweibchen im Sommerquartier

Paarung

Einige Meter vor uns hüpft ein Krötenmännchen. Zwei, drei Sprünge noch, und es ruht für eine Weile aus. Plötzlich raschelt das Laub ganz in der Nähe; eine dicke Krötenmama sucht den günstigsten Weg. Sofort gilt die ganze Aufmerksamkeit des Männchens diesem Rascheln. Es richtet sich auf und hört auf jedes verdächtige Geräusch. Sobald sich das Weibchen wieder bewegt, hüpft das Männchen herzu, ortet erneut mit seinen Ohren und springt schliesslich das Weibchen an. Wehrt sich das festgehaltene Tier nicht, gibt es keine quakenden Laute von sich und wippt es nicht mit dem Kopf, dann «weiss» das Männchen, dass es ein Krötenweibchen erwischt hat, umklammert es immer stärker und lässt es für einige Tage nicht mehr los. Gemeinsam hüpfen sie zum Weiher, besser gesagt, das grössere und prall mit Eiern gefüllte Weibchen trägt das kleine Männchen nun auf seinem Rücken mit.

Laichablage

Im Wasser schwimmen die Paare zuerst einige Tage herum, suchen geeignete Plätze zum Ablaichen und ruhen vielfach in tieferem Wasser aus. Hin und wieder tauchen sie auf, um mit den verschliessbaren Nasenlöchern nach Luft zu schnappen. Wenn wir geduldig warten und suchen, finden wir sicher ein Paar, welches eben am Ablaichen ist.

Das Weibchen macht ein hohles Kreuz und hebt den Kopf leicht nach oben. Das veranlasst das Männchen, mit seinen Hinterbeinen über dem Körperende des Weibchens ein Körbchen zu formen. Da hinein presst das Weibchen nun einen Teil seiner schwarzen, in zwei Gallert-schnüre gebetteten Eier, die vom Männchen besamt werden. Etwas später wird das Körbchen geöffnet, das Paar schwimmt zwischen den Wasserpflanzen herum und hängt dabei die Eischnüre zwischen die Stengel. Der ganze Vorgang wiederholt sich einige Male, bis das Weibchen keine Eier mehr besitzt.

Fehlgeleitete Paarungen

Nicht immer geht alles so schön am Schnürchen. Weil die Krötenmännchen alles anspringen, was sich bewegt oder raschelt, erliegen sie gar oft einem Irrtum. Alle Kröten rascheln gleich im Laub, und da es fünfmal mehr Männchen gibt als Weibchen, werden sehr oft andere Männchen angesprungen. Derart fehlgeleitete Tiere werden aber sehr bald auf ihren Irrtum aufmerksam gemacht, indem das festgehaltene Tier heftig mit dem Kopf wippt und in kurzen Stössen quakt. Das bedeutet: «Steig ab von mir, ich bin auch ein Männchen.» Der Irrtum wird erkannt, und die Tiere trennen sich wieder.

Aber auch Füchse, Hasen, Hunde rascheln im Laub, und prompt werden ihre Beine angesprungen und umklammert. Im Wasser sind es oft Fische, an denen sich Männchen krampfartig festhalten. Die Fische und die Beine der Füchse usw. haben ganz grob gesehen eine ähnliche Form wie die Krötenweibchen, und darum verharren die Männchen oft lange in dieser Stellung. Paarungswillige Männchen springen selbst unsere Finger an, wenn wir damit im Laub rascheln oder sie im Wasser hin und her bewegen. Die Umklammerung ist derart stark, dass wir einen Druck verspüren. Jeder Versuch, das Tierchen wieder zu entfernen, wird mit lautem Quaken und heftigen Strampelbewegungen beantwortet. Das heisst in der Krötensprache, «ich lasse nicht mehr ab von meinem Weibchen».

Treiben wir das Spiel noch weiter, indem wir eine Attrappe aus Schwammgummi und Stoff basteln, die entfernt einer Kröte gleicht. Wenn wir die falsche Kröte an einer Schnur durch das Wasser ziehen, fällt bald ein Männchen herein und gibt sein vermeintliches Weibchen nicht so schnell wieder her. Tragisch wird dieses sture Festhalten, wenn sich ein zweites Männchen an einem Paar festklammern kann. Das Dreiergespann kann dann nicht mehr recht schwimmen, strampelt und dreht sich und wird darum von immer weiteren Männchen angesprungen. So bilden sich Klumpen bis zu zwanzig Tieren. Leider erdrückt dann in manchen Fällen die Übermacht der paarungshungrigen Männchen das Weibchen, oder es erstickt, weil es lange nicht mehr an die Wasseroberfläche gelangen kann.

Im Zusammenhang mit den fehlgeleiteten Paarungen können wir auch noch eine andere Erscheinung beobachten. Wenn sich im Weiher verspätete Grasfroschweibchen aufhalten oder bereits die ersten Wasserfroschweibchen erscheinen, so umklammern Erdkrötenmännchen auch diese Tiere. Die beiden ungleichen Partner bemerken den Irrtum meist erst nach Stunden oder gelegentlich auch erst nach Tagen, dann nämlich, wenn die weiteren Schritte für die Laichabgabe folgen sollten. Die verschiedenen Tierarten verfügen für die Fortsetzung nicht mehr über die gleichen Verhaltensmuster, verstehen sich also nicht mehr und lassen dann schliesslich voneinander ab.

Wanderverhalten der Erdkröte

  1. Wanderung zum Laichplatz Im Vorfrühling wecken eine kritische Temperatur von 5-6 Grad, eine Zeitprägung oder innere Uhr und wahrscheinlich noch weitere Faktoren die geschlechtsreifen Kröten aus dem Winterschlaf. Regenwetter begünstigt die Wanderwilligkeit und ein bestimmter abendlicher Dämmerungszustand wirkt bei wanderbereiten Kröten als Aufbruchssignal. Tiere, die der gleichen Population angehören, wandern alle in derselben Richtung auf ihren Laichplatz zu, den sie wahrscheinlich von ihrem Larvenstadium her kennen. Die Orientierung erfolgt vorwiegend auf Grund bestimmter Kulisseneffekte von Waldrändern und anderen Horizontlinien und Helligkeitsstufen der Landschaft. Kröten sind mehrheitlich Nachtwanderer, nur unter Zeitdruck versuchen sie auch tagsüber ihren Laichplatz zu erreichen. Auf der Wanderung zum Gewässer erfolgen auch die meisten Paarungen.
  2. Verhalten am Laichplatz Die Paare verstecken sich einige Tage im Schilf oder vergraben sich im Bodengrund des Gewässers. Die Eireifung braucht 5-14 Tage, anschliessend beginnen die Paare mit dem Ablaichen. Nach 10-20 Schüben und nach 5-10, selten erst nach 24 Stunden ist diese Tätigkeit abgeschlossen, worauf sich die Tiere sofort wieder trennen.
  3. Wanderung ins Sommerquartier
    Die Weibchen wandern schon in der folgenden Nacht vom Laichplatz weg Richtung Sommerquartier. Die Männchen folgen wenige Tage später. Diese Wanderung ist ebenso zielgerichtet wie diejenige zum Laichplatz. Oft suchen die Kröten wieder den gleichen Fleck auf wie im Vorjahr.
  4. Ruhepause Mitte April erreichen sie ihre Sommerquartiere, wo sie aber nicht gleich zu fressen beginnen, sondern zuerst eine Pause von 2-3 Wochen einschalten.
  5. Sommerquartier
    Im Mai erwachen sie zur eigentlichen Sommeraktivität, zusammen mit den noch nicht geschlechtsreifen Jungtieren, die nicht an der Herbst- und an der Laichplatzwanderung teilgenommen haben. Erst jetzt beginnen sie mit der Jagd auf Insekten und allerhand andere Kleintiere.
  6. Herbstwanderung Ab Mitte August und vermehrt im September werden die Erdkröten erneut von einem Wandertrieb erfasst, und sie verlassen ihre Sommerquartiere. Die Herbstwanderung führt über eine Distanz von einigen hundert Metern bis zwei Kilometern in Richtung Laichplatz.
  7. Winterquartier Die Erdkröten überwintern zwischen Sommerquartier und Laichplatz. Sie bevorzugen dazu Erdlöcher im Wald, die sie in der Regel selber graben. Sie erscheinen erst wieder an der Oberfläche, wenn sie gegen Ende März erneut durch den Fortpflanzungstrieb geweckt werden.

Wanderverhalten der Grasfrösche

Die Grasfrösche zeigen ein ähnliches Wanderverhalten wie die Erdkröten. Ein Teil wandert aber bereits im Herbst in den Weiher zurück und überwintert dann am Grunde des Gewässers unter dem Eis. Die anderen geschlechtsreifen Tiere beginnen mit der Wanderung, wenn die Nachttemperaturen nicht mehr unter 0°C fallen, was vielfach schon Ende Februar der Fall ist. Grasfrösche wandern auch tagsüber, vor allem in den Nachmittagsstunden, zu einer Zeit also, wo wir sie gut beobachten können.

Schutzmassnahmen für wandernde Amphibien

Die gleichzeitige Wanderung aller Tiere einer Erdkröten-, Grasfrosch- oder Molchpopulation zu ihrem Laichplatz wirkt sich immer dann verhängnisvoll aus, wenn sie über eine stark befahrene Autostrasse führt. Die nicht sonderlich schnellen Tiere bleiben im Scheinwerferlicht stehen und werden dann überfahren. Hundert oder mehr Opfer pro Nacht und Wanderstrasse sind die Folge. An vielen Orten greift man darum zu verschiedenen Vorkehrungen, die von speziellen Verkehrstafeln bis zu Sperrzäunen und Gräben gegen Amphibien reichen. Mit Schülern zusammen lässt sich in diesem Bereich noch viel zum Schutz der gefährdeten Arten tun. (Vergleiche dazu auch die ausführlicheren Bemerkungen im Kapitel «Grasfrosch»).

Paarungsverhalten

  1. Anfangs April wecken eine innere Uhr und die nachts nicht mehr unter 7° C sinkende Temperatur nahezu alle Erdkröten eines bestimmten Einzugsgebietes. In der Abenddämmerung starten sie für die Wanderung zu ihrem Laichgewässer.
  2. Bei der Ankunft am Weiher tragen praktisch alle Weibchen ein Männchen auf dem Rücken. Von den vielen Männchen findet aber nur etwa jedes fünfte ein Weibchen. Es gibt einfach nicht mehr.
  3. Die Paare suchen im Wasser ruhige Stellen, wo sie von den ledig gebliebenen Männchen nicht belästigt werden und beginnen nach wenigen Tagen mit der Laichablage.

Fehlgeleiteter Paarungstrieb

  1. Wenn wir im «Männerparadies» einen Finger hin und her bewegen, wird er bald von einem besonders paarungsfreudigen Erdkrötenmännchen umklammert. Es ist dabei der Überzeugung, ein Weibchen gefunden zu haben!
  2. Der Paarungstrieb kann sich verhängnisvoll auswirken, sobald es  einem ledigen Männchen gelingt, ein Paar zu packen. Die Strampelbewegungen locken weitere Männchen an, und es bildet sich bald ein grosser Klumpen von 6-20 Kröten. Das von allen Seiten umklammerte Weibchen kann dabei ersticken.
  3. Paarungswillige Krötenmännchen haben eine sehr einfache Vorstellung von einem Weibchen. Sie lassen sich sogar mit einer Schaumgummi-Attrappe täuschen.

Viele Kröten und Frösche packen ihre Beutetiere mit der Zunge

  1. Eine hungrige Erdkröte reagiert auf ein sich bewegendes Beutetier, indem sie sich zuerst aufrichtet und leicht nach vorne streckt. So fixiert sie das spätere Opfer mit den Augen und misst dabei auch die Distanz ab.
  2. Plötzlich schleudert die Kröte ihre Zunge heraus, die vorn am Unterkiefer angewachsen ist und mit dem freien Ende nach hinten gerichtet im Maul liegt. Das getroffene Beutetier bleibt an der Zunge hängen und landet beim blitzschnellen Zurückziehen im Rachen.
  3. Beim Schlucken verschwinden vielfach beide Augen für kurze Zeit im Kopf. Sie drücken in den Rachenraum und stöpseln auf diese Weise die Beute in den Schlund.

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Jakob Forster

Jakob Forster hat an der Universität Zürich Biologie für angehende Sekundar- und Bezirkslehrer unterrichtet. Er erhielt 1976 den Kulturpreis der Stadt Winterthur und ist seit 1982 Mitglied der Naturschutzkommission der Stadt Winterthur.

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