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Tiere im Wald: Igel

Es ist schade, dass wir diese drolligen Stachelknäuel so schlecht kennen. Wohl sehen wir hie und da einen Igel im Scheinwerferlicht eines Autos, wenn er auf der Strasse nach Insekten Ausschau hält. Vielleicht bleibt aber für viele von uns nur eine Begegnung aus der Kinderzeit haften: Igel trinken gerne Milch aus einem alten Suppenteller (was übrigens mit Sicherheit Durchfall erzeugt!) und verschwinden hurtig in der Dunkelheit, wenn sie gestört werden.

Urtümliche Tiere

Dämmerungs- und Nachttiere sind natürlich auch viel schwieriger zu beobachten, und das mag der Grund sein, dass wir auch über den Igel lange so wenig wussten. Allerdings können wir schon in alten Tierbüchern gar manche Seiten über ihn nachlesen und vernehmen da ganz sonderbare Dinge:

… denn sie wöltzen sich auff öpffeln, so unter den Bäumen ligen …. und ziehen damit in die holen Bäum in jihre Nester.

Diese unwahre Geschichte, wonach die Igel mit ihren Stacheln Äpfel aufspiessen und als Vorräte in ihre Nester tragen würden, ist bald 2000 Jahre alt und wurde selbst vom guten alten Brehm getreulich nacherzählt.

Igel sind sehr urtümliche Tiere, und sie haben ihre Gestalt und ihre Lebensweise auch seit vielen Millionen Jahren nicht stark verändert. Ihr Stammbaum reicht über 60 Millionen Jahre zurück, was immerhin bedeutet, dass er rund 30mal älter ist als das Menschengeschlecht. Es gilt als erwiesen, dass ursprünglich gebliebene Tierarten grosse Überlebenschancen besitzen, weil sie sich nicht einseitig entwickelt haben und darum auch grossen Umweltveränderungen gut gewachsen sind.

Feind

Der Igel hat nicht viele Feinde, wenn wir zunächst einmal von den Menschen und ihrer Technik absehen wollen. Am ehesten hat er sich vor grossen Nachtraubvögeln wie dem Uhu und den Käuzen in acht zu nehmen, bisweilen können ihm aber auch Füchse, Iltisse, Dachse und Hunde nachstellen. Aber alle diese Feinde zusammen vermögen ihn nie so zu dezimieren wie die Menschen mit ihren Autos. Der Igel sucht nämlich als ausgesprochen wärmeliebender Insektenfresser seine Beute sehr gern auf Strassen, die tagsüber Wärme speichern und dann während der Nacht von Insekten aufgesucht werden. Dieses Verhalten wird vielen zum Verhängnis. So weiss man, dass schon vor 20 Jahren, bei weit geringerem Autoverkehr als heute, pro Jahr und pro 100 km Strasse mehr als 500 Igel überfahren worden sind. Heute mögen es mindestens dreimal mehr sein. Dazu vergiften wir noch viele andere Igel, indem wir Schnecken und Insekten mit hochgradig giftigen Körnern oder Spritzmitteln bekämpfen. Viele dieser toten Tiere werden dann von Igeln gefressen. Wohl ertragen sie weit grössere Giftmengen, als wir annehmen, aber trotzdem sterben nicht wenige einen jammervollen Tod.

Kinderstube

Nach einer Tragzeit von 5–6 Wochen bringt die Igelmutter im Mai oder Juni und viel- leicht noch ein zweites Mal im August oder September 5–7 Kinder zur Welt. Die Neugeborenen sind 5–9 cm lang und wiegen nur 12–25 Gramm. Nachdem das letzte Kind geboren worden ist, packt die Mutter ein jedes mit dem Maul, um es an ihren Bauch zu legen. Dort suchen sie die Zitzen und beginnen zu trinken.

Die Frischgeborenen besitzen eine rosarote Unterseite und einen grauen Rücken. Die Haut ist prall mit Wasser gefüllt und liegt straff um den Körper. Die weissen, harten Stacheln liegen zunächst noch wie versunken in einem Polster. So konnten sie die Mutter bei der Geburt nicht verletzen. Schon nach einem Tag hat die Haut so viel Wasser verloren, dass die Erstlingsstacheln bereits sechs Millimeter aus der faltig gewordenen Haut ragen, am zweiten oder dritten Tag erscheinen dann die Spitzen der dunkel und hell geringelten Stacheln der zweiten Serie.

Die kleinen Stachelknäuel können während der ersten beiden Wochen weder sehen noch hören und verschlafen einen Grossteil der Zeit. Wenn sie Hunger haben, können sie aber recht lebhaft werden, und schon bald verdrängen die aktiveren ihre duldsameren Geschwister von den besten Zitzen. Dazu setzen sie ihre Füsse und gelegentlich auch ruckartige Stösse mit ihrem Stachelkleid ein. Die Mutter liegt während des ganzen Gerangels mit völlig entspannter Muskulatur auf einer Körperseite und scheint zu schlafen. Normalerweise lässt sie ihre Kinder etwa eine halbe Stunde lang trinken, werden die Streitereien um die beste Zapfstelle aber zu heftig, so steht sie einfach auf und läuft vielleicht sogar weg.

In der dritten Woche öffnen sich Ohren und Augen der Igelkinder. Sie sind jetzt auch voll behaart und bestachelt. Die Mutter nimmt sie immer häufiger auf ihre Beutezüge mit und achtet streng darauf, dass keines eigene Wege geht. Hat eines dennoch den Anschluss verloren, so pfeift es zwitschernd. Die Mutter eilt herbei, beschnuppert ihr Kind und schubst es wieder auf den zu beschreitenden Pfad.

Nach sechs Wochen verlieren die jungen Igel allmählich ihre Erstlingsstacheln. Mit dem Stossen der endgültigen Stacheln ist dann die Kleinkinderzeit abgeschlossen, und es geht gar nicht mehr so lange, bis die Mutter die selbständig gewordenen Jungen aus der gemeinsamen Wohnung vertreibt.

Sinnesleistungen und Reaktionsvermögen

Der Igel ist kein besonders schlaues Tier, wie er in Märchen oder dem eingangs erzählten Geschichtchen dargestellt wird. Auch sieht er nicht besonders gut und besitzt ein eher schwaches Herz, was ihm auch eine Flucht vor Feinden verunmöglicht. Seine besonderen Fähigkeiten liegen im sehr feinen Geruchs- und Geschmackssinn und im guten Gehör. So vermag er wie die Fledermäuse vor allem auch Ultraschallgeräusche wahrzunehmen.

Die grosse Stärke liegt in seinem Stachelkleid, das selbst jeden Angriff einer Schlange abhält. Dank dem schnellen Reaktionsvermögen, es liegt unter einer Hundertstelssekunde, kann er mit dem Einrollen auch schnellsten Zugriffen wirksam begegnen.

Der Winterschlaf, eine Art Energiespartechnik

Alle Igel verschlafen den Winter ab November bis in den März hinein an einem geschützten Ort, so etwa in einer gepolsterten Erdmulde unter einem Laubhaufen. Während des Winterschlafes sinkt die Körpertemperatur von normal 34 Grad auf drei Grad hinunter und der Puls von rund 200 Schlägen auf einen Schlag pro Minute. Die lebenserhaltenden Körperfunktionen werden damit auf das Allernotwendigste reduziert. Das Erwachen aus dem Winterschlaf stellt an den Igel die grössten Anforderungen in seinem Leben. Damit die Körpertemperatur wieder um 30 Grad steigt, muss der Puls vorübergehend auf etwa 320 Schläge pro Minute erhöht werden. So sind denn die Tiere nach dem Winterschlaf meist völlig erschöpft und machen oft den Ein- druck, als würden sie sterben. Wachen sie aus irgendwelchen Gründen mehrmals auf während eines Winters, so sterben sie auch tatsächlich an Erschöpfung.

Kranke und untergewichtige Igel haben im Winter unsere Hilfe nötig

Es sei vorweggenommen: Der Igel ist kein Haustier. Er gehört in die Natur und benötigt uns nur, wenn er krank oder weniger als 700 Gramm schwer ist. Wenn wir im Dezember auf einen herumstreunenden Igel stossen, sollte man ihn zuerst etwas beobachten. Kann er sich nicht mehr ganz zusammenrollen, ist er sehr wahrscheinlich krank. Weitere Krankheitsanzeichen sind: Futterverweigerung, starker Durchfall, Husten, Röcheln, trockene Nase, unsicherer Gang, seitliches Umfallen, Geschwulste und Abszesse. Ein kranker Igel gehört in jedem Fall in die Hände von fachkundigen Personen.

Neben kranken Igeln trifft man im Winter aber auch ab und zu einen jungen, untergewichtigen Igel der Herbstgeneration auf der Futtersuche. Solche Tiere füttert man massvoll mit Nüssen, möglichst ungezuckerten «Totenbeinchen», Mehlwürmern und Whiskas-Katzenfleisch. Ferner gibt man ihnen Wasser zu trinken. Milch verursacht mit Sicherheit Durchfall! Als Futtergeschirr verwendet man einen Porzellanteller. Beim Benagen von Plastikgefässen können sich die Igel nämlich vergiften.

Als Wohnplatz eignet sich eine grosse Kiste, die man mit Heu, Laub, Stroh und Zeitungen auskleidet. Harasse sind Todesfallen, weil die Igel mit dem Kopf zwischen den Holzstäben stecken bleiben können und dann ersticken. Auch Wolltücher und Stofflappen sind ungeeignet, weil sich diese Materialien gern um die Zehen wickeln, was zu Geschwüren führen kann. Man bringt den aufgenommenen Igel ferner so bald wie möglich in ein lauwarmes Wasserbad, duscht ihn nachher und trocknet ihn dann ab. So verliert er die Flöhe, und die Zecken lockern sich. Letztere dreht man ohne Öl mit einer Pinzette langsam aus der Haut.

Wenn der Igel ein Gewicht von 700 Gramm erreicht hat, sollte man ihn an einem warmen Wintertag wieder in seinem angestammten Revier, also dort wo man ihn gefunden hat, aussetzen. Igel sind ortstreu und leben in der Regel in einem Gebiet von etwa 500 m Umkreis. Geht das nicht, so kann man ihn auch zu Hause überwintern, indem man ihn samt Kiste in einen Kellerraum bringt, dessen Temperatur unter 10 Grad liegt. Dort gibt man ihm noch so lange zu essen und zu trinken, bis er in den Winterschlaf verfällt. Nachher sind nur noch gelegentliche Kontrollen nötig. Wenn er dann im Frühling wieder erwacht, lässt man ihn an einem warmen Tag frei.

Kinderstube der Igel

Die Igelmutter wirft nach einer Tragzeit von 5–6 Wochen im Mai/Juni und vielleicht noch einmal ausgangs Sommer 5–7 Junge. Sie sind 5–9 cm lang, wiegen 12–25 g und sind noch blind und taub. Sie tasten sich aber trotzdem immer wieder geschickt an die Zitzen, um zu trinken.

Während der Geburt liegen die Erstlingsstacheln wie versunken im Hautpolster. Bald ragen sie 6 mm aus der grauen Haut, und dann erscheinen die dunkel-hell geringelten Stacheln der zweiten Generation.

In der dritten Woche öffnen sich Ohren und Augen. Die Jungigel sind jetzt auch voll behaart und bestachelt, und die Mutter kann sie auf die ersten gemeinsamen Beutezüge mitnehmen.

Igel verschlafen 18 Stunden eines Tages in ihrem Nest

Igel sind ortstreu und bleiben oft jahrelang in ihren einige Hektaren grossen Jagdrevieren, wenn diese nicht verarmen, und wenn sie darin nicht gestört werden. Die Wachzeiten richten sich wahrscheinlich vor allem nach einer inneren Uhr und liegen zwischen 18–21, 24–2 und 5–6 Uhr.

Der Igel baut sein Sommernest aus Heu und Laub im Wurzelwerk eines Baumes, in Löchern, Hecken oder in Holz- und Reisighaufen. Es hat meistens mehrere Eingänge.

Für die Überwinterung verwendet er nicht selten das vorher dick ausgepolsterte und sorgfältig abgedichtete Sommernest. Sobald die Temperatur im Nest unter 17° sinkt, kugelt er sich ein und verfällt in den Winterschlaf.

Der Igel gehört zu den Insektenfressern

Er besitzt eine spitze, langgezogene Schnauze und im ganzen 36 lückenlos aneinandergereihte, scharfe Zähne. Seine Speisetafel enthält:

  • Insekten und deren Larven (vor allem Heuschrecken und Maulwurfsgrillen, aber auch Hummeln, Wespen und Honigbienen)
  • Regenwürmer, Nacktschnecken
  • seltener Amphibien, Reptilien und junge Mäuse
  • Pilze, Eicheln, Buchnüsse, Beeren
  • Fallobst als Notnahrung.

Stachelkleid und kurze Reaktionszeiten schützen den Igel

Dank der rund um den Körper verlaufenden Muskulatur und einer Reaktionszeit von weniger als einer Hundertstelssekunde kann sich der Igel blitzschnell einrollen und die verletzlichen Teile wie Kopf und Beine in der Stachelkugel verbergen. Er öffnet sein Schutzkleid erst wieder, wenn er seinen Feind nicht mehr hört und nicht mehr riecht.

Spuren mit Trittsiegeln

Die Trittsiegel der Hinterfüsse liegen in denjenigen der Vorderfüsse. Die Vorderfüsse sind aber länger und breiter als die Hinterfüsse, darum decken sich die Trittsiegel nicht ganz.

Trittsiegeln der Vorderfüsse (V) und der kleineren Hinterfüsse (H). Rechter Vorderfuss eines Igels und Trittsiegel dazu

Zum Vergleich: Spuren und Trittsiegel von Hund und Katze

Spuren und Trittsiegel von Hund und Katze
Jakob Forster

Von Jakob Forster

Jakob Forster hat an der Universität Zürich Biologie für angehende Sekundar- und Bezirkslehrer unterrichtet. Er erhielt 1976 den Kulturpreis der Stadt Winterthur und ist seit 1982 Mitglied der Naturschutzkommission der Stadt Winterthur.

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