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Tiere im Wald: Waldkauz

Grundbesitz ohne Gartenzaun

Viele von uns kennen den Waldkauz wenigstens von einer Seite her: Der «Gesang» des Männchens, das dreisilbige «Huuh-hu-huuuuuh», kann einem durch Mark und Bein gehen, wenn man in Spätwinter- oder Frühlingsnächten längs eines Waldrandes spaziert. Fast könnte man meinen, der irgendwo im Gehölz versteckte Vogel wolle einem das Gruseln beibringen. Davon kann aber keine Rede sein. Mit seinen unheimlichen Rufen will er nichts anderes sagen als: «Hier bin ich, dieses Revier gehört mir.» Wir Menschen brauchen für die Abgrenzung unseres Eigentums Wohnungstüren, Gartenzäune und Marchsteine, für den Waldkauz liegen die Grenzen seines Jagd- und Wohnraumes ungefähr dort, wo ihn die andern Waldkäuze noch gut hören können. Die übrigen Vögel müssen diese Reviere nicht beachten, denn ihre Lebensbedürfnisse entsprechen kaum denjenigen des Kauzes.

Auf der Suche nach einem Nest

Nach geduldigem Suchen und Ausharren in kalten, hellen Winternächten hat man vielleicht einmal das Glück, einen solchen Revierbesitzer ausfindig zu machen. Viel mehr als lautlos vorübergleitende Schatten wird man allerdings kaum zu Gesicht bekommen, doch findet man so möglicherweise den ungefähren Standort des Nestes.

Vor Jahren hatte ich einmal Glück und entdeckte eine Baumhöhle in fünf Metern Höhe. Der dicke Buchenstamm war unten vollkommen astlos, und das Nest konnte nur mit einer hohen Leiter erreicht werden. Ich erinnere mich noch gut an jene frühen Aprilmorgenstunden, als ich, mit breitem Filzhut und dicken Handschuhen ausgerüstet, langsam Sprosse um Sprosse hinaufstieg. Ich wusste, dass die alten Waldkäuze angreifen würden, wenn sie mich in Nestnähe entdecken sollten. Ausgewachsene Tiere sind immerhin etwa 40 cm hoch, haben eine Flügelspannweite von knapp einem Meter und können im Sturzflug sehr wuchtig und erst noch fast lautlos angreifen. Einer meiner Freunde erlebte das vor geraumer Zeit auf halber Leiterhöhe. Aber trotzdem, das Jagdfieber hatte mich gepackt, und ich wollte in die Nesthöhle hineinsehen.

Vor mir ducken sich zwei stattliche Jungvögel und blicken mir mit fast zugekniffenen Augen ängstlich entgegen. Sie haben ihre ersten, weisslichen Dunenfedern schon längst verloren und tragen jetzt ein hellgraues Kleid mit dunkelbraunen Querwellen. Schnabel und Fänge sind schon kräftig entwickelt, die Flügel gestatten hingegen noch keine Flugversuche. Auf dem Boden der Baumhöhle liegt schwarzglänzender Kot. Gewöllekugeln entdecke ich keine. Waldkäuze haben nämlich wie andere Raubvögel die Gewohnheit, unverdauliche Nahrungsreste (Haare, Federn, Knochen Insektenpanzer ihrer Beutetiere) wieder hinauszuwürgen. Wahrscheinlich sind diese Überreste von den Eltern weggetragen oder von den Jungvögeln auf den Boden geworfen worden. Die beiden Käuzchen zwängen sich immer mehr ins Innere der Baumhöhle zurück und kappen bedenklich mit den Schnäbeln. Ob wohl dieses Geräusch die Eltern herbeilockt? Diesen weiche ich lieber aus, und so steige ich wieder auf den Boden hinunter.

Bald verlassen die Jungen ihren Brutplatz und erreichen mit einem unsicheren Flug den Boden. Die Eltern locken sie in ein schützendes Unterholz und füttern sie weiter, bis sie die volle Flugfähigkeit erreicht haben. Mit Standlauten und Bettelrufen bleiben die Kinder mit ihren Eltern in Verbindung. Wenn sich ihnen ein Mensch nähert, machen sie sich zuerst schlank, nehmen dann aber meist eine Drohstellung ein.

Balz und Brutzeit

Schon nach einem Jahr sind die Waldkäuze geschlechtsreif, und im folgenden Winter werben die Männchen mit heulenden und stöhnenden Balzrufen um eine Partnerin. Sie wählen auch die Brutplätze aus – neben Baumhöhlen kommen Felsspalten, Gemäuernischen, Hohlräume unter Baumwurzeln oder gar Dachböden in Frage – und zeigen diese ihren Weibchen gewöhnlich durch Rufen an der gewählten Stelle oder durch Anfliegen. Waldkäuze vermählen sich in der Regel auf Lebzeit. Im Februar legt das Weibchen drei bis fünf, etwa 40 Gramm schwere, reinweisse, rundliche Eier, und zwar in zweitägigen Abständen. Es leistet die ganze Brutarbeit alleine. Nach knapp 30 Tagen schlüpft das erste, weissbedunte, blinde Käuzchen, die Geschwister kommen je zwei Tage später auf die Welt. Die Mutter deckt dann ihren Nachwuchs noch zwei Wochen lang mit den Flügeln zu. Man nennt diese Tätigkeit hudern.

Während dieser Zeit leistet aber auch das Männchen Beachtliches. Es hat für die gesamte Nahrung seiner stets grösser und gefrässiger werdenden Familie zu sorgen. Meistens jagt es nur in der Dämmerung oder in der Nacht. Zu den hauptsächlichsten Beutetieren gehören Mäuse, Ratten und andere Kleinsäuger dieser Grösse, Vögel, aber auch Frösche, grössere Insekten und Regenwürmer.

Körperbau und Sinnesorgane

Die Waldkäuze bringen für die Jagd beste Voraussetzungen mit. Einmal haben sie besonders gebaute Flügel mit Fransenkämmen an den äussersten Schwungfedern, welche die Fluggeräusche verschlucken und einen nahezu lautlosen Flug gewährleisten. Dann ist ihr Gehör hervorragend entwickelt. Die Ränder der Ohröffnungen sind zu befiederten Klappen umgebildet, die wie weite, bewegliche Schalltrichter wirken und schwächste Geräusche aus verschiedenen Richtungen auffangen. Und schliesslich sind die Augen nicht nur für allfällige Tätigkeiten am Tag, sondern auch für ein gutes Dämmerungssehen eingerichtet. Die Zahl der lichtempfindlicheren Stäbchen ist auf Kosten der Zäpfchen stark vermehrt. Darum können die Waldkäuze Farben fast nicht unterscheiden, was nachts auch nicht störend ins Gewicht fällt. Sie sind zudem weitsichtig wie alle andern Eulen, sehen also auf kurze Distanzen schlecht. Für einen Jagdvogel spielt aber auch das keine Rolle. Er muss die Beute auf grosse Distanzen erkennen, und das gewährleisten die dafür bestens ausgerüsteten Augen und das fabelhafte Gehör, zusammen mit dem sehr beweglichen Kopf, den er bis 270 Grad herumdrehen kann.

Steckbrief des Waldkauzes

 MännchenWeibchen
Körperhöheetwa 40 cmetwa 42 cm
Spannweiteim Durchschnitt 93 cmim Durchschnitt 98 cm
Gewicht300–550 g500–700 g
Färbungbei beiden Geschlechtern von braungrau bis rostbraun, grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Vögeln
StimmeBalzstrophe: tiefes, wohlklingendes hu-u, nach kurzer Zeit folgt tremolierendes, absinkendes u-u-u-u-ugellendes Kiuwitt, wird auch vom Männchen verwendet

Lebensraum, Jagd, Ernährung

  • bewohnt alte Baumbestände in lichten Laub- und Mischwäldern, Feldgehölzen und Baumgärten; lebt selbst in Dörfern und Städten
  • ist die häufigste Eulenart und gehört zu den Standvögeln
  • jagt mit Vorliebe in abwechslungsreichen Landschaften, und zwar entweder vom Ansitz aus oder im Pirschflug
  • ernährt sich zu 75% von Kleinsäugern (vor allem von Mäusen), daneben von Amphibien, Fischen, Regenwürmern, Insekten usw., in strengen Wintern auch von Vögeln

Fortpflanzung

  • brütet in alten, hohlen Bäumen, in Höhlen, auch in Gebäuden oder offen auf Greifvogelnestern; baut selber keine Nester
  • Eiablage: Februar/März; meist 3–4 Eier; Brutdauer: 28–29 Tage
  • Weibchen brütet alleine; Männchen bringt Nahrung
  • Nestlingszeit: etwa 30 Tage; Junge werden aber am Boden von den Eltern noch 8–10 Wochen weiter gefüttert, betreut und verteidigt

Käuze teilen ihren Wohnraum mit vielen anderen Tieren

1. Blaumeise
2. Siebenschläfer
3. Buntspecht
4. Kohlmeise
5. Kreuzspinne
6. Langohrfledermaus
7. Eichenspinner
8. Eichengallwespe
9. Waldkauz
10. Hirschkäfer
11. Heldbock
12. Larve des Heldbocks

Zum Brutverhalten des Waldkauzes

Brutplätze

Waldkäuze bauen wie die meisten anderen Eulen ihre Nester nicht selber. Als Brutplätze dienen vor allem Baumhöhlen, aber auch Felsspalten, Nischen in Dachböden und Gemäuern, verlassene Nester grosser Vögel, sogar Hohlräume unter Baumwurzeln oder selbstgegrabene Mulden auf der Bodenoberfläche.

Aufzucht der Jungen

Im Februar legt das Weibchen 3–5 etwa 40 g schwere, reinweisse Eier, und zwar in zweitägigen Abständen. Nach knapp 30 Tagen schlüpft das erste, weissbedunte, blinde Käuzchen, die Geschwister kommen je 2 Tage später auf die Welt. Zwei Wochen lang deckt die Mutter ihren Nachwuchs mit den Flügeln. Man nennt das hudern. Das Männchen sorgt während der ganzen Zeit allein für die gesamte Nahrung der immer gefrässiger werdenden Familie.

Der Waldkauz ist ein Raubvogel

Er jagt in der Dämmerung oder nachts sowohl vom Ansitz aus als auch im Pirschflug. Seine Nahrung besteht aus bis rattengrossen Kleinsäugern und bis taubengrossen Vögeln. Daneben erbeutet er Amphibien und Eidechsen, selten Fische, ab und zu auch Regenwürmer und grosse Insekten. Als geschickter Vogeljäger überlebt er im Unterschied zu anderen Eulenarten, die hauptsächlich auf Mäuse angewiesen sind, selbst strenge Winter.

Der Waldkauz sieht auch am Tag, seine Augen sind aber der nächtlichen Lebensweise angepasst: Die Netzhaut enthält fast nur Stäbchen, also besonders lichtempfindliche Sinneszellen. Dafür fehlen die Zäpfchen weitgehend, die dem Farbensehen dienen. Diese spielen im fahlen Mondlicht auch keine Rolle. Es ist viel wichtiger, neben der Beute auch die Bäume sicher erkennen zu können. Im Stockdunkeln sehen allerdings auch Eulen nichts.

Der starre Blick des Waldkauzes

Der Waldkauz hat starr mit dem Schädel verwachsene Augen. Er kann sie also nicht bewegen wie wir. Um ein Ding genau zu betrachten, verrenkt er seinen Körper merkwürdig. Er führt die sogenannten Fixierbewegungen oft über 20mal nacheinander aus. Daneben kann er seinen Kopf auch noch um 270° drehen.

Wenn der Waldkauz etwas fixieren will, verschiebt er den Kopf zuerst seitwärts und gleich darauf nach unten. Dann dreht er ihn in einem Bogen nach rechts oben und wieder zurück in die Seitwärtsstellung.

Verwandte des Waldkauzes

Jakob Forster

Von Jakob Forster

Jakob Forster hat an der Universität Zürich Biologie für angehende Sekundar- und Bezirkslehrer unterrichtet. Er erhielt 1976 den Kulturpreis der Stadt Winterthur und ist seit 1982 Mitglied der Naturschutzkommission der Stadt Winterthur.

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