Buch 1997

Im Reich der Buche

Jede Lebensgemeinschaft wird durch ihre Umwelt geprägt. Den Wald prägen natürliche Umwelteinflüsse wie Temperatur, Niederschlag, Sonneneinstrahlung, Hangneigung, Gestein oder Bodenbeschaffenheit. Unter ähnlichen Umwelteinflüssen gedeihen von Natur aus ähnliche Pflanzengemeinschaften. Solche für einen bestimmten Standort typische Gemeinschaften nennt man Pflanzengesellschaften oder Waldgesellschaften.

Zu einer Waldgesellschaft gehören neben den Bäumen auch die Sträucher und natürlich die Bodenpflanzen mitsamt den Farnen und den Moosen. Anhand der Bodenpflanzen und der Bodenbeschaffenheit kann man feststellen, welche Baumarten von Natur aus wachsen würden. Eine Waldgesellschaft beschreibt lediglich die potentielle natürliche Vegetation, nicht den tatsächlich vorhandenen Baumbestand.

Auf dem Gebiet der Stadt Winterthur kommen über 40 verschiedene Waldgesellschaften vor; die meisten gehören zu den Buchenwäldern. Kein Wunder, denn auf den hiesigen Böden ist die Buche am konkurrenzfähigsten gegenüber anderen Baumarten. Hier kann sie bisweilen Reinbestände ausbilden.

Je nach Bodenbeschaffenheit gesellen sich zur Buche andere Laubbäume: im feuchteren, eher kalkhaltigen Bereich beispielsweise der Bergahorn, die Esche oder die Bergulme, auf feucht-sauren Böden hingegen die Winterlinde oder die Hagebuche. Auf eher trockeneren Böden findet man neben der Buche verschiedene Eichenarten, die Mehlbeere oder wiederum die Hagebuche.

Bei extremen Bodenverhältnissen ist die Buche nicht mehr konkurrenzfähig. Sie wird abgelöst durch die Schwarzerle, die Esche, die Birke oder die Föhre. Solche extreme Standorte mit den entsprechend seltenen Waldgesellschaften gibt es auch in Winterthur. Ohne menschliche Eingriffe entwickeln sich an den meisten Standorten in Winterthur sommergrüne Laubmischwälder, die von der Buche dominiert werden.

Neben den lokalen Gegebenheiten im Gelände, wie etwa Neigung und Windexposition, sind in Winterthur vor allem der Gesteinsuntergrund und die Bodenbeschaffenheit ausschlaggebend für die Vielfalt der Waldgesellschaften. Der Gesteinsuntergrund bildet die Grundlage des Oberbodens, auf dem schliesslich die Pflanzendecke wächst. Seine Zusammensetzung beeinflusst den Nährstoffgehalt und den Wasserhaushalt des Bodens und damit auch die Waldgesellschaft. Die oberste Gesteinsschicht ist in Winterthur vielerorts die Obere Süsswassermolasse, das älteste aller hier vorhandenen Oberflächengesteine. So zum Beispiel an den Südhängen des Lindbergs und des Eschenbergs, aber auch am Nordhang des Dättnau, am Brüelberg und sogar auf dem Hochplateau des Eschenbergs.

Weil Molasse aus verschiedenen Ausgangsgesteinen (Mergel, Sandstein und vereinzelt Nagelfluhbänder) besteht, findet sich auf ihr ein breites Spektrum verschiedener Waldgesellschaften. Ansonsten stammen hier die obersten geologischen Schichten vorwiegend aus der letzten Eiszeit: In den Talböden bestehen sie aus würmeiszeitlichen Schottern und auf den Hügeln überwiegend aus Moränenmaterial.

Entscheidende Grenzschicht

So wie sich unter ähnlichen Bedingungen ähnliche Pflanzengesellschaften einstellen, so entstehen unter ähnlichen Bedingungen ähnliche Böden. Und die sind mitunter wichtige Standortfaktoren für die Waldgesellschaften. Der Boden ist die Grenzschicht zwischen der Gesteinsschicht und der obersten Schicht von totem Pflanzenmaterial – und mithin eine Mischung aus beidem. Der häufigste Bodentyp in Winterthur ist die Braunerde. Dieser ton- und nährstoffreiche Boden ist typisch für das ausgeglichene Klima. In der Braunerde sind Humus und Mineralien gut vermischt, die Fruchtbarkeit ist entsprechend hoch. Je nach Gestein und Hangneigung sind die Winterthurer Braunerdeböden mehr oder weniger stark kalkhaltig. Saure Braunerden sind hier eher die Ausnahme. Typische Waldgesellschaften auf Braunerden sind etwa die Waldmeister-Buchenwälder. Auf Kuppen und an Steilhängen sind die Rendzina-Böden verbreitet. Sie sind weniger tiefgründig als die Braunerden, und das Muttergestein tritt bisweilen an die Oberfläche. Auf Rendzina-Böden kommt zum Beispiel der am Eschenberg-Südhang relativ häufige Lungenkraut-Buchenwald vor. In Mulden und Hangfusslagen stehen viele Böden ständig unter dem Einfluss von Grund-, Hang- oder Stauwasser; sie sind deshalb dauernd feucht. Das sind die typischen Standorte der Eschenmischwälder. Solche Standorte finden sich zum Beispiel in den Bachtobeln des Leisentals und an feuchten Stellen auf dem Eschenbergplateau. Die grösste Vielfalt an Waldgesellschaften weist der Eschenbergwald auf. 38 verschiedene Gesellschaften sind in diesem 7,6 Quadratkilometer grossen Waldgebiet vertreten. Zum Vergleich: Im Lindbergwald kommen nicht einmal halb so viele Gesellschaften vor. Doch die Vielfalt des Eschenbergs täuscht: Ganze zwei Drittel der Waldfläche nehmen alleine die Waldhirsen-Buchenwälder ein. In keinem anderen Gebiet in Winterthur erreichen diese Waldgesellschaften eine solche Ausdehnung. Im Eschenbergwald hingegen kommen sie fast überall vor: Beinahe der gesamte Nordhang zwischen der Breiti und dem Paradis besteht aus Waldhirsen-Buchenwald – Standorten; sie fehlen eigentlich nur an heissen und sehr trockenen oder an feuchten Lagen: an den Südhängen gegen die Töss hinunter, im Leisental und an vernässten Stellen auf dem Hochplateau, zum Beispiel in der Umgebung des Gebietes Riet. Die Waldhirsen-Buchenwälder wachsen bevorzugt auf tiefgründigen, weder stark sauren noch sehr kalkreichen Braunerde-Böden, wobei sie je nach Bodenbeschaffenheit unterschiedliche Varianten ausbilden. Die Baumschicht ist ausserordentlich kräftig und hoch; die Bodenvegetation ist recht üppig. Häufig bestimmen die Farne das Waldbild, so der Gewöhnliche Waldfarn, der Gelappte Schildfarn oder der Eichenfarn. Diese Farne können indes auch völlig fehlen. Auch den Geissbart findet man häufig in diesen Wäldern. Die wichtigste Baumart ist natürlich die Buche. Daneben kommen aber auch Weisstanne, Rottanne, Bergahorn und Esche in dieser Gesellschaft ziemlich häufig vor. Wichtige Sträucher sind vor allem die Himbeere, der Schwarze Holunder und die Schwarze Heckenkirsche. Die Bodenvegetation besteht hauptsächlich aus Waldmeister, Waldveilchen, Waldhirse, Goldnessel, Einbeere, Buschwindröschen, Sauerklee und aus Behaarter Hainsimse. Für Winterthurer Verhältnisse recht häufig treten auf dem Eschenberg auch die Zweiblatt-Eschenmischwälder auf. Sie sind auf dauernd oder zeitweise feuchte, nährstoffreiche und lehmige Böden angewiesen, wie sie kleinflächig an vielen Orten auf dem Hochplateau vorkommen: in flachen Mulden oder entlang von Bächen. Grössere Flächen von Zweiblatt-Eschenmischwäldern finden sich im Gebiet Riet, vor allem aber im Leisental. Sie bilden hier die grössten zusammenhängenden Flächen auf dem Stadtgebiet. Sporadische Überflutung und permanenter Kontakt mit dem Grundwasser charakterisieren die Zweiblatt-Eschenmischwälder als Bestandteil der Hartholzaue. Der Buche ist es im Zweiblatt-Eschenmischwald bereits zu feucht, sie fehlt in diesen Wäldern vollständig; nur dort, wo der Boden durch Entwässerung, Absenkung des Grundwassers oder durch Flussverbauungen austrocknet, kann sie sich halten. Hingegen kommen neben der Esche auch Bergahorn, Stieleiche, Bergulme, Kirschbaum und die Hagebuche vor. Insgesamt machen die Zweiblatt-Eschenmischwälder mehr als ein Zehntel der Fläche des Eschenbergwaldes aus. Regional einzigartig sind die Zweiblatt-Eschenmischwälder auf Auenböden. Sie kommen in der ganzen Grossregion nur in Winterthur vor – vor allem im Leisental. Hier sind sie allerdings wegen der Tösskorrektion nicht typisch ausgebildet. Eine kleinere Fläche befindet sich auch am tiefsten Punkt der Stadt bei der Kläranlage Hard. Eine Waldgesellschaft, die im Mittelland selten ist und in Winterthur nur gerade auf zwei kleinen Flächen im Gebiet Chalberweid am Osthang des Gamsers auftaucht, ist der Linden-Zahnwurz-Buchenwald mit Immenblatt. Die steile Hanglage ist typisch für diese Gesellschaft: Sie gedeiht an schattigen und luftfeuchten Hängen, wo ständig etwas feiner Schutt nachrieselt. Die wichtigsten Baumarten sind neben der Buche die Sommerlinde, der Bergahorn und die Esche. Bingelkraut, Waldmeister, Maiglöckchen, Immenblatt und Schwalbenwurz kennzeichnen die Bodenvegetation. Gegenüber der Grüenau zwischen der Bahnlinie und der Töss tauchen noch Reste des Ulmen-Eschen-Auenwaldes auf. Dies ist der einzige Standort dieser Waldgesellschaft in Winterthur. Sie ist Bestandteil der unteren Stufe von Hartholzauen und hat einst die Flussauen im Schweizer Mittelland geprägt. Heute sind gut ausgebildete Ulmen-Eschenwälder sehr selten geworden. Der nährstoffreiche Boden kann zeitweilig oberflächlich austrocknen. Der Buche ist es hier zu nass, hingegen bilden die Eschen, Bergulmen, Schwarzerle und Stieleiche hochaufragende lichte Bestände. Hasel, Pfaffenhütchen und Hornstrauch sind in der Strauchschicht solcher Wälder oft zu finden. Als häufigste Bodenpflanzen kommen Winterschachtelhalm, Rasenschmiele, Geissfuss oder Goldnessel vor. Ein grosser Hangrutsch am Gamser hat 1995 den dortigen Orchideen-Föhrenwald– eine bei uns seltene Waldgesellschaft – in Mitleidenschaft gezogen. Ein zweiter Orchideen-Föhrenwald-Standort liegt direkt über dem Reitplatz. Diese lichten Föhrenwälder findet man typischerweise auf steilen, mergeligen Böden mit stark wechselndem Wassergehalt. Zuoberst auf dem Chüeferbuck, wo die Buchen etwas weniger hoch werden und oft krumm wachsen, taucht eine weitere, bei uns ebenfalls seltene Waldgesellschaft auf: der Waldhainsimsen-Buchenwald. Dieser Wald wächst auf sauren, trockenen Böden in Kuppenlagen. Die vorherrschende Baumart ist die Buche. Daneben treten auch Traubeneichen und gelegentlich Föhren auf. Während die Krautpflanzen eher spärlich erscheinen, ist die Moosschicht auffällig stark entwickelt. Die auf dem Eschenberg häufigsten Waldgesellschaften, die Waldhirsen-Buchenwälder, wurden wegen ihrer ausgezeichneten Produktivität an vielen Orten in reine, ertragreiche Fichtenmonokulturen umgewandelt. Heute besteht der Eschenbergwald zu fast zwei Dritteln aus Nadelbäumen, wobei die Fichte am häufigsten vorkommt. Die älteren Baumbestände auf den ehemaligen ausgedehnten Kahlschlagflächen des letzten Jahrhunderts nehmen noch immer einen grossen Anteil ein.

Rottannenwald auf dem Lindberg

Auf dem Eschenberg machen die Waldhirsen-Buchenwälder wie erwähnt zwei Drittel der Waldfläche aus. Ganz anders auf dem Lindberg: Dort kommen diese Wälder überhaupt nicht vor. Dafür besteht fast der ganze Lindbergwald aus Waldmeister-Buchenwäldern: Rund 85 Prozent des Lindbergs sind mit diesen Wäldern bedeckt. Die Waldmeister-Buchenwälder sind die häufigsten Waldgesellschaften des Schweizer Mittellandes. Sie entstehen auf mehr oder weniger neutralen, frischen und nährstoffreichen Böden über Molassegesteinen und Moränen. Die charakteristischen Baumarten dieser Waldgesellschaft sind die Buche, die Stiel- und die Traubeneiche, die Hagebuche, der Kirschbaum, die Esche, der Berg- und der Feldahorn, die Weisstanne und die Winterlinde. Das natürliche Bild des Waldmeister-Buchenwaldes als kräftiger Buchenmischwald mit starken geraden Stämmen ist im Lindberg an vielen Orten durch den grossflächigen Anbau der Rottanne stark verzerrt worden. Abwechslungsreiche Waldbilder findet man aber immer noch, zum Beispiel im südlicheren Teil des Lindbergwaldes. Waldmeister, Buschwindröschen, Goldnessel, Einbeere oder Sauerben Botaniker in den siebziger und achtziger Jahren hier gefunden. Diese Pflanzen sind grösstenteils Kulturflüchter, Arten also, die aus den nahen Gärten, dem Friedhof Rosenberg oder dem Volg-Versuchsgarten verwilderten. Einige fremde Pflanzenarten kommen im Lindbergwald besonders häufig vor, so der Sommerflieder oder die Zwergmispel. Der häufigste Exot im Lindbergwald aber ist die Mahonie. Sie ist im westlichen Teil ebenso zahlreich wie die einheimische Stechpalme. Ähnliche Verhältnisse wie auf dem Lindberg finden wir auf dem Brüelberg. Auch hier stellen die Waldmeister-Buchenwald-Standorte den mit Abstand grössten Anteil dieses relativ wenig abwechslungsreichen Waldgebietes. Nur ein knappes Dutzend verschiedene Waldgesellschaften kommen im Brüelbergwald vor. An wenigen, trockeneren Stellen am Ost- und am Westhang wachsen Lungenkraut-Buchenwälder und auf einer kleinen Fläche am Westhang der Bergseggen-Buchenwald. Die Wälder auf dem Brüelberg sind verhältnismässig naturnah und altersmässig ausgeglichen. Die Laubbäume machen heute fast zwei Drittel des gesamten Vorrates aus und lassen sich leicht natürlich verjüngen. Der Anteil der standortfremden und ökologisch problematischen Baumarten ist eher klein.

Pionierwald am Wolfensberg

Wie Brüelberg und Lindberg besteht auch der Wolfensberg fast ausschliesslich aus den häufigen Waldmeister-Buchenwald-Standorten. Die heutigen Bestände sind jedoch von den natürlichen Waldgesellschaften weit entfernt. Immerhin tauchen im Südwest-Teil an der Grenze zwischen dem Stadtwald und dem Chilenholz – dem Waldteil der Kirchgemeinde Wülflingen – einige seltenere, ökologisch wertvolle und relativ gut ausgebildete Waldgesellschaften auf. So findet man zum Beispiel am Steilhang bei der Chöpfi den einzigen Geissklee-Föhrenwald-Standort in der ganzen Grossregion Winterthur. Der lichte, ornithologisch wertvolle Geissklee-Föhrenwald wächst an warmen, südexponierten Schotterhängen. In dieser Pioniergesellschaft ehemaliger Trockenwiesen sind Waldföhren, Maulbeerbäume und Elsbeeren vertreten. Neben dem seltenen Geissklee wachsen in der Strauchschicht auch Wacholder und der Wollige Schneeball. Die Krautschicht besteht vor allem aus Erdseggen, Blutrotem Storchenschnabel, Hufeisenklee oder Küchenschelle. In keinem anderen Waldgebiet Winterthurs kommt die Föhre so häufig vor wie im Wolfensbergwald. In den dreissiger Jahren dieses Jahrhunderts machten die Föhren im Stadtwald Wolfensberg über sechzig Prozent des Baumbestandes aus; heute sind es noch rund dreissig Prozent. Von der Abnahme der Föhre profitierte übrigens die Fichte, die heute den Wolfensbergwald dominiert. Insgesamt ist hier der Anteil der Nadelbäume höher als in jedem anderen Teil des Winterthurer Stadtwaldes.

Rossberg: Reich an Laubbäumen

In den Wäldern südlich von Töss – beim Rossberg zwischen der Töss und der Autobahn und in den Gebieten Meisholz, Hell und Steigholz auf der anderen Seite der Autobahn gegen Brütten hinauf dominieren wieder die Waldmeister-Buchenwald- und etwas weniger ausgeprägt die Waldhirsen-Buchenwald-Standorte. Auf den feuchten bis nassen Stellen entlang der Töss kommen relativ häufig die Zweiblatt-Eschenmischwälder vor. Andere Nassstellen in diesem südlichsten Waldgebiet der Stadt nehmen Ahorn-Eschenwald- und Bachseggen-Eschenwald-Standorte ein. Die eher trockenen Stellen sind gelegentlich Standorte des Lungenkraut-Buchenwaldes mit Immenblatt, des Bergseggen-Buchenwaldes oder des Eiben-Buchenwaldes. Die zuletzt genannte Gesellschaft hat zahlreiche Standorte weiter westlich im Dättnau. Der Wald im Gebiet Bannhalden-Rossberg-Steigholz ist recht naturnah. Die standortgerechten Laubbäume sind heute für Winterthurer Verhältnisse überdurchschnittlich häufig vertreten, der Anteil der ökologisch problematischen Baumarten ist hingegen sehr klein. Nur gegen die Töss hinunter, im Gebiet Bannhalden, ist der Anteil standortfremder Baumarten immer noch hoch.

Juwel am Beerenberg

Der Beerenberg zwischen Niederfeld und Rumstal ist ein einzigartiges Mosaik verschiedener Waldstandorte. Während hier die Waldhirsen-Buchenwälder – wie im Lindbergwald – gänzlich fehlen, dominieren flächenmässig die Waldmeister- Buchenwald-Standorte. Daneben gibt es aber eine Fülle von selteneren Waldgesellschaften. Vegetationskundlich besonders interessant ist der schnell austrocknende mergelige Westhang. Dort sind die Bergseggen-Buchenwald- und die Lungenkraut- Buchenwald-Standorte stark vertreten. Im Bergseggen-Buchenwald sind die Buche und die Traubeneiche die wohl wichtigsten Baumarten. Es kommen darin aber auch Eschen, Bergahorn, Hagebuche, Kirschbaum, Elsbeere und der Mehlbeerbaum vor. In der Strauchschicht wachsen neben den auf Kalk typischen Sträuchern Liguster, Wolliger Schneeball, Hornstrauch oder Feld-Rose auch die Berberitze und der Seidelbast. Kennzeichnend für die Krautschicht sind neben der eher häufigen Bergsegge auch Maiglöckchen, Immenblatt, Bingelkraut, Nickendes Perlgras, Schwalbenwurz, Weisse Segge oder sogar das Waldvögelein. Am Beerenberg-Westhang findet sich ausserdem ein Juwel der besonderen Art: der einzige Kronwicken-Eichenmischwald in der ganzen Region Winterthur. Dieser submediterran anmutende, niedere und lichte Eichenmischwald hat seinen Standort auf trockenen, kalkreichen Böden an warmen Steilhängen und auf Felskuppen. Natürlich gedeihen auch hier die typischen Kalksträucher zu denen sich Liguster, Strauchwicke oder Purgier-Kreuzdorn gesellen. In der Krautschicht findet man die Ästige Graslilie, die pfirsichblättrige Glockenblume, die Erdsegge, die Strauss-Wucherblume, den Blutroten Storchenschnabel, die Hirschwurz, den Echten Gamander, der Hügel-Klee oder den Purpur-Klee. Der für Reptilien und zahlreiche Insektenarten wertvolle Kronwicken-Eichenmischwald-Standort ist hochgradig schützenswert. Seine Ausdehnung am Beerenberg-Westhang ist mit 0,25 Hektaren allerdings sehr bescheiden. Im Ost- und Nordteil des Beerenbergs finden sich zahlreiche Standorte von Waldmeister-Buchenwäldern, Lungenkraut-Buchenwäldern mit Immenblatt, des Aronstab-Buchenwaldes und des typischen Lungenkraut-Buchenwaldes. Diese Gesellschaften kommen im Beerenbergwald, vor allem aber im östlich gelegenen Hardholz bei der Kläranlage so zahlreich vor wie in keinem anderen Waldgebiet in Winterthur. Die in diesem Hallenwald dominierende Buche bildet starke, gerade Stämme. Nicht selten sind in solchen Wäldern Esche, Bergahorn, Traubeneiche oder Kirschbaum anzutreffen. In der üppigen Krautschicht kommen einige Pflanzen so häufig vor, dass sie regelrechte Teppiche bilden: etwa das Bingelkraut oder der Waldmeister. Auch häufige Frühlingsblüher wie das Buschwindröschen, das Lungenkraut oder die Frühlingsplatterbse kommen hier vor. Weitere seltene Gesellschaften sind an eher trockenen Stellen der Weissseggen-Buchenwald und der Eiben-Buchenwald. Auf den feuchten bis nassen Standorten findet man Ahorn-Eschenwälder oder Seggen-Bacheschenwälder. Der Beerenberg ist relativ naturnah und ornithologisch wertvoll: Spuren der ehemaligen Mittelwälder blieben bis heute erhalten.

Eiben im Dättnau

Zu den Winterthurer Gebieten mit dem grössten Reichtum an verschiedenen Waldstandorten gehört das Dättnau. Die Molassehänge gegen Chomberg und Ebnet weisen eine grosse Vielfalt an kleinräumigen abwechslungsreichen Strukturen auf. Wiederum nehmen die Waldmeister-Buchenwald-Standorte den flächenmässig grössten Anteil ein. Auf den eher trockenen Böden sind die Lungenkraut-Buchenwälder mit Immenblatt, der typische Lungenkraut-Buchenwald und der Bergseggen-Buchenwald relativ häufig. Gelegentlich findet man auch den Weissseggen-Buchenwald. Die feuchteren Stellen werden wie andernorts auf dem Stadtgebiet von Ahorn-Eschenwald und Seggen-Bacheschenwald eingenommen. Einen für Winterthurer Verhältnisse überdurchschnittlich hohen Anteil nimmt der Aronstab-Buchenwald ein. In diesem üppigen Hallen-Buchenmischwald mit Eschen und Bergahorn findet man eine kaum entwickelte Strauchschicht. Im Frühling wuchert der Bärlauch, dann sind nur noch wenige Kräuter vorhanden: so der Aronstab, das Bingelkraut, die Gundelrebe oder der Waldziest. Den Aronstab-Buchenwald findet man auf feuchten, ton-, nährstoff- und basenreichen Böden. Zu den naturkundlich besonders interessanten Gebieten gehört der Dättnauer Berg. Über dem heutigen Naturschutzgebiet finden sich einige kleinere Inseln von Pfeifengras-Föhrenwald. Diese Waldgesellschaft taucht auch auf der rechten, der südwestorientierten Talflanke etwas südlich von Hoh Wülflingen auf. Sonst aber kommt sie in keiner anderen Gegend der Stadt vor. Im offenen, oft fast lückigen Pfeifengras-Föhrenwald gedeiht eine reichhaltige Krautschicht, die vor allem vom spätblühenden Pfeifengras dominiert wird. In dieser Gesellschaft tritt gelegentlich auch der Mehlbeerbaum auf. Neben Liguster und anderen Kalksträuchern kommt hier auch die Berberitze vor. Die trockenen, mergeligen Steilhänge im Dättnau sind typische Föhrenstandorte, hier ist die Buche nicht mehr konkurrenzfähig. Der artenreiche Pfeifengras-Föhrenwald bietet Lebensraum für viele seltene Tier- und Pflanzenarten und zählt zu den hochgradig schützenswerten Waldgesellschaften. Während die zumeist hochproduktiven Waldmeister-Buchenwald-Standorte im unteren Teil des Dättnauer Bergs von der Forstwirtschaft genutzt und entsprechend verändert wurden, blieben die oberen Gebiete entlang der Stadtgrenze bis heute nahezu unverfälscht. Diese steilen mergeligen Molassehänge beherrscht eine im übrigen Stadtgebiet weniger häufige Gesellschaft: der Eiben-Buchenwald. Fast die gesamte linke Talflanke des Dättnaus ist im oberen Teil mit einem zusammenhängenden Eiben-Buchenwald bewachsen. In keinem anderen Stadtgebiet erreicht diese Gesellschaft eine derart grosse Ausdehnung. Eine grössere Fläche nimmt die Gesellschaft noch zwischen Hoh Wülflingen und Alt Wülflingen ein. Ansonsten finden sich auf dem Stadtgebiet nur kleinere inselartige Vorkommen. In dieser von Buche, Bergahorn und Eibe dominierten Gesellschaft wächst eine grasreiche Krautschicht mit buntem Reitgras, Schlaffer Segge, Berg-Flockenblume, Bingelkraut, Einbeere oder Waldmeister. Nur dort, wo die Eibe einen dichten Bestand bildet, ist der Boden kahl und dunkelbraun. Die Eibe ist heute schon relativ selten und wegen des Rehverbisses mittelfristig vom Aussterben bedroht.

Kostbarkeit im Schoren

Der Wald im ganzen Talzug Dättnau-Neuburg-Rumstal ist wegen der oft schlechten Zugänglichkeit an den meisten Orten recht naturnah. Nur in den flacheren Gebieten oben auf dem Chomberg ist heute der Anteil standortfremder Baumarten zu hoch. Grund: In den Jahren 1967 und 1975 wurden die damaligen Windwurfflächen einseitig mit Rottannen bepflanzt. Die beiden kleinen Waldgebiete Schoren und Eichwäldli sind ausgesprochene Waldmeister-Buchenwald-Standorte. Freilich findet sich westlich der Deponie Riet, ganz in der Nähe des Quartiers Wallrüti, auch ein Standort des in der ganzen Nordostschweiz extrem seltenen Traubenkirschen-Eschenwaldes. In diesem sumpfigen Wald auf staunassen Mulden ist eine deutliche Trennung zwischen der Baumschicht, die aus Esche und Schwarzerle besteht, und dem vor allem aus Traubenkirsche bestehenden Unterwuchs auszumachen. Sumpfdotterblume, Spierstaude, Waldbinse oder Waldschachtelhalm sind typische, ton- und nährstoffzeigende Krautpflanzen des Traubenkirschen-Eschenwaldes. Diese Gesellschaft findet sich übrigens in naturnaher Form auch im Elend, nördlich der Mörsburg. Ansonsten besteht das Gebiet Elend, wie auch das benachbarte Egg und die noch auf dem Stadtgebiet liegenden Teile des Eschbergs, vorwiegend aus recht typisch ausgebildeten Waldmeister- und Waldhirsen-Buchenwaldstandorten.

Wertvolle Standorte in Seen

Die Waldgebiete im Osten der Stadt – das heisst: östlich der Tösstalbahnlinie bis zur Stadtgrenze – bestehen zu mehr als der Hälfte aus Waldmeister-Buchenwäldern. Die im Eschenberg so häufigen Waldhirsen-Buchenwälder hingegen machen hier nicht einmal 20 Prozent aus. Die Laubmischwälder im Gebiet Forbüelrain-Howart-Nübruch zwischen Mulchlingen und der Tösstalbahnlinie sind für die Vogelwelt besonders wertvoll. Der südwestbis südorientierte, rasch austrocknende mergelige Molassehang ist ein idealer Standort für den Weissseggen-Buchenwald, in dem neben der Buche auch Traubeneiche, Esche, Bergahorn, Hagebuche, Kirsche, Elsbeere oder der Mehlbeerbaum auftreten. Typische Begleitpflanzen des Weissseggen-Buchenwaldes sind neben den kennzeichnenden Kalksträuchern die Berberitze und der Lorbeerstrauch. In der meist reichhaltigen Krautschicht findet man Maiglöckchen, Immenblatt, Bingelkraut, Nickendes Perlgras, Schwalbenwurz, Weisse Segge, Waldvögelein oder Schlaffe Segge. Wo der Boden im Gebiet Howart-Forbüelrain zeitweilig stark austrocknet, wächst der Orchideen-Föhrenwald. Auf diesem extremen Standort hat die Buche keine Chance mehr, hingegen sind hier Föhre und Mehlbeerbaum in ihrem Element. Die Strauchschicht ist reich: Zu den typischen Kalksträuchern wie Liguster, Wolliger Schneeball, Hornstrauch, Feldrose und Seidelbast gesellt sich die Berberitze.Für diesen Standort charakteristische Bodenpflanzen sind etwa die Bergsegge, die Schlaffe Segge, das Pfeifengras, die Fiederzwenke, die Breitblättrige Sumpfwurz und das bunte Reitgras. Den Orchideen-Föhrenwald findet man auch an anderen Orten in diesem Waldgebiet – beispielsweise am Sädelrain zwischen Ricketwil und Oberseen, am Südhang des Hulmen oder am Hegiberg.

Viele standortfremde Baumarten

Zahlreiche Standorte im grossen Waldgebiet zwischen Orbüel und Heidertal gehören zu den typischen Kalkbuchenwald-Gesellschaften, den Lungenkraut-Buchenwäldern. Auf den fruchtbaren, kalkreichen Moränen der letzten Eiszeit finden die bei uns verbreiteten Waldgesellschaften ideale Bedingungen. Der typische Lungenkraut-Buchenwald bildet ziemlich wüchsige Hallenwälder, in denen die dominante Buche starke, gerade Stämme bildet. Neben der Buche bietet dieser Standort auch der Esche, dem Bergahorn, der Traubeneiche und dem Kirschbaum einen Lebensraum. Die Krautschicht besteht vorwiegend aus Hornstrauch, Weissdorn, Wolligem Schneeball, Gewöhnlichem Seidelbast, Liguster und Lorbeer-Seidelbast. In der reich entwickelten Krautschicht gedeihen viele Frühjahrsblüher. Meistens beherrscht das Bingelkraut das Waldbild. Daneben kommen aber auch Lungenkraut, Buschwindröschen, Waldmeister, Frühlingsplatterbse, Waldsegge, Goldnessel, Nickendes Perlgras, Gewöhnliche Akelei, Türkenbund, Aronstab und Haselwurz vor. Allerdings ist die Kraut- und Strauchschicht in Hanglagen oft auch artenarm und mager. Auf mergeligen trockenen Böden, zum Beispiel am Südosthang des Hulmen nordöstlich von Eidberg, finden sich nicht selten die Lungenkraut-Buchenwälder mit Immenblatt. Sie unterscheiden sich vom typischen Lungenkraut-Buchenwald durch die eher lichte, nicht sehr wüchsige Erscheinungsform und die starke, manchmal zu niederem Dickicht entwickelte Strauchschicht. Das Bingelkraut kann gelegentlich ganz fehlen. Der Anteil der Zahnwurz-Buchenwälder in der Region Seen-Hegi ist recht hoch. Die weiten, oft klassisch ausgeprägten Buchenwälder findet man an luftfeuchten, kalkreichen Schattenhängen, so zum Beispiel im Bestlet zwischen Ricketwil und Oberseen oder im Hell gegen den Hinter Etzberg. Verschiedene Holunder-Arten und der Lorbeer-Seidelbast kennzeichnen die Strauchschicht, während in der Krautschicht je nach Standort neben Fieder- und Finger-Zahnwurz wiederum Bingelkraut, Waldmeister, Einbeere, Türkenbund, Waldsegge, Bärlauch, Aronstab und Gelappter Schildfarn vorkommen. Im Bestlet ist der Wald zu einem grossen Teil recht naturnah. Mehr als die Hälfte des Waldes im Osten der Stadt ist traditionell Eigentum privater Waldbesitzer oder der Korporation Oberwinterthur. Vielerorts, zum Beispiel am Etzberg, sind weite Teile – insbesondere die sehr zahlreichen Privatwaldparzellen – mit standortfremden Nadelbäumen bestockt. Auch im Stadtwald sind diese problematischen Baumarten klar übervertreten.

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Michael Wiesner ist Biologe. Er hat an der ETH Zürich Naturwissenschaften studiert und in der Fachrichtung Geobotanik bei Prof. Dr. Elias Landolt abgeschlossen. Seine Beiträge finden sich auch auf Facebook, auf Twitter, auf Flickr, auf Vimeo und auf Youtube.

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