Buch 1997

Wälder für die Stadt

Winterthur ist die waldreichste Stadt der Schweiz. Statistisch gesehen ist hier mehr als jeder dritte Quadratmeter mit Wald bedeckt. Oder anders ausgedrückt: Der Wald beansprucht fast 39 Prozent des Winterthurer Stadtgebiets. Dieser Waldanteil ist hoch. Das bestätigt ein Blick über die Stadtgrenzen hinaus: Der durchschnittliche Waldanteil im Kanton Zürich liegt bei 28 Prozent. Im Schweizer Mittelland liegt er noch tiefer, nämlich bei rund 24 Prozent.

In Winterthur leben heute rund zehnmal so viele Bäume wie Menschen. Die Wälder nehmen flächenmässig mehr von der Stadt ein als alle Gebäude, Plätze und Strassen zusammen – mehr demnach als das, was die Stadt eigentlich zur Stadt macht. Damit kann Winterthur landschaftlich gesehen auch ohne See jeder anderen Schweizer Stadt das Wasser reichen. Allein die Fläche des Winterthurer Waldes ist grösser als der ganze Walensee und mithin so gross, dass darauf andere Städte – zum Beispiel Genf oder Basel – bequem Platz hätten.

Eindrücklich auch eine andere Zahl: Würde man alle Waldränder in Winterthur aneinanderreihen, käme man auf eine Gesamtlänge von 130 Kilometern – das ist mehr als die ganze Länge der Thur.

Bodennutzung in der Stadt Winterthur
Fläche Anteil
Gesamtfläche 6 807 ha 100,0 %
Gebäudefläche 379 ha 5,6 %
Hofraum, Garten und Anlagen 1 246 ha 18,3 %
Acker, Wiesen und Weiden 1 890 ha 27,8 %
Rebland 21 ha 0,3%
Wald 2 636 ha 38,7%
Wald, davon Anteil Stadtwald 1 677 ha
Bahnen, Strassen und Wege 566 ha 8,3 %
Gewässer (Parzellenflächen) 44 ha 0,6 %
Unkultiviertes Gebiet (Riedland, Felsgebiet usw.) 25 ha 0,4 %
Quelle: Vermessungsamt Winterthur. Stand Ende 2008

Vom Wald geprägt

Der Wald prägt die Winterthurer Landschaft – eine Landschaft, die sich in diesem Jahrhundert so schnell und so radikal verändert hat wie nie zuvor. Die Stadtvereinigung 1922, später der Wirtschaftsaufschwung und das damit verbundene Bevölkerungswachstum führten zu tiefgreifenden Veränderungen der Landschaftsstruktur: Das Siedlungsgebiet breitete sich aus, Grünflächen verschwanden, und abwechslungsreiche Naturräume wichen Asphaltwüsten und Agrarlandschaften. Das Niederfeld in Wülflingen zum Beispiel – einst ein vielfältiger Flussraum – gehört heute zu den an Naturwerten ärmsten Landschaftsräumen der Stadt. Oder das Gebiet nördlich von Hegi: Diese Landschaft ist heute vollständig ausgeräumt und auf industriellen Ackerbau getrimmt.

Immerhin konnten die Wälder dem Druck der Landwirtschaft und der Siedlungsgebiete bis heute weitgehend widerstehen – allerdings nicht aus eigener Kraft, sondern dank fortschrittlicher Forstgesetze und einer weitsichtigen Bodenpolitik der Stadt. Seit rund 150 Jahren hat sich an der Fläche und der Verteilung der Winterthurer Wälder wenig geändert. Auf der Wildschen Karte aus der Mitte des letzten Jahrhunderts ist aber zu sehen, dass einige bedeutende Waldgebiete erst seit Erscheinen dieser Karte entstanden oder verschwunden sind: Im Leisental oder auf dem Etzberg zum Beispiel dehnten sich vor 150 Jahren an Stelle der heutigen Wälder noch grössere Acker- und Weideflächen aus. Andererseits war damals die Tössebene in der Mühlau bei Sennhof viel stärker bewaldet als heute. Und für die Anbauschlacht im Zweiten Weltkrieg fielen ein grösseres Waldgebiet in Wülflingen (Hardholz) und ein kleineres in Hegi (Stahlhölzli) der Axt zum Opfer.

Heute umgeben acht grosse Wälder das Winterthurer Siedlungsgebiet. So verschieden diese Waldgebiete sind, eines haben sie gemeinsam: Sie liegen auf Hügeln. Im Norden der Stadt liegt der Lindbergwald. Ihm gegenüber, im Süden zwischen Seen und Töss, dehnt sich der grösste der Winterthurer Wälder aus: der Eschenbergwald. Den Abschluss im Osten bilden der Etzbergwald und der Hulmen. Und ganz im Westen der Stadt liegt der Beerenbergwald.

Grössere Waldgebiete bedecken zudem die Talflanken des Dättnau sowie den Brüelberg und den Wolfensberg. Daneben finden sich Wälder nördlich von Stadel, an der Grenze zu Zell (Schartegg) und schliesslich nördlich der Wallrüti in Oberwinterthur (Schoren).

Wem gehört der Winterthurer Wald?

Von den mehr als 26,9 Quadratkilometern Wald in Winterthur gehören rund 16,9 Quadratkilometer – also mehr als drei Fünftel – der Stadt Winterthur selber. Sie besitzt neben den zahlreichen Wäldern auf dem Stadtgebiet auch mehrere Waldgebiete im Tösstal: am Kümberg in Turbenthal (1,8 Quadratkilometer) und im Gebiet Hornsäge südlich der Rämismühle in der Gemeinde Zell (0,28 Quadratkilometer).

Waldbesitzverhätnisse auf Stadtgebiet
Waldeigentümer Waldfläche
Stadt Winterthur 1 691 Hektaren
Kanton Zürich 269 Hektaren
Holzkorporation Oberwinterthur 152 Hektaren
Holzkorporation Hegi 19 Hektaren
Kirchgemeinde Wülflingen 19 Hektaren
Bund (SBB) 1 Hektare
Privatwald 542 Hektaren
Waldfläche 2 693 Hektaren
Quelle: Forstbetrieb Winterthur, 2010

Fünf Waldgebiete in Winterthur gehören dem Kanton Zürich; sie umfassen eine Fläche von insgesamt rund 2,7 Quadratkilometern: Zu den Staatswäldern gehören ganz oder teilweise die Waldgebiete Orbüel, Höhwald und Holzhuser auf dem Hegiberg, das Gebiet Ebnet in Töss, das Niesenbergholz gegen Kemptthal und eine grössere Fläche zwischen Rossberg und Eschenberg (Bannhalden). Die Staatswälder sind direkt der Staatsforstverwaltung unterstellt.

Schliesslich besitzt auch der Bund – genauer: die SBB – eine HektareWald auf Winterthurer Stadtgebiet.

Die Holzkorporation Oberwinterthur kaufte 1832 dem Kanton Zürich den nordöstlichen Teil des Lindbergwaldes und etwa 60 Hektaren Wald in Ricketwil (Andelbach) ab. Diese Waldgebiete waren bis dahin mit Nutzungsrechten der Bürger von Oberwinterthur belastet. Später vergrösserte die Holzkorporation ihren Waldbesitz durch Ankäufe auf die heutige Fläche von 152 Hektaren.

Der 1836 gegründeten Holzkorporation Hegi gehört das 19 Hektaren grosse Waldstück Schönholz an der Grenze zu Wiesendangen. Ebenfalls 19 Hektaren umfasst das am westlichen Wolfensberghang gelegene Waldgebiet Chilenholz. Seit 1844 ist die Kirchgemeinde Wülflingen vollrechtliche Eigentümerin dieses Waldgebiets.

Zahlreiche Privatwaldbesitzer

Wie die Gemeindewälder entsprangen auch die Korporationswälder dem Gemeinschaftswald der traditionellen bäuerlichen Nutzungsgemeinde. Das Gesetz stellt die Gemeinde- und Korporationswälder auf die gleiche Stufe. Das heisst: Auch die Holzkorporationen müssen einen Förster wählen, Wirtschaftspläne erarbeiten und dem zuständigen Kreisforstmeister des Kantons regelmässig Bericht erstatten. Neben der Stadt, dem Kanton und den Korporationen nennen noch einige hundert Privatpersonen ein mehr oder weniger grosses Stück Winterthurer Wald ihr eigen.

Für Spaziergänger oder Jogger sind die Besitzverhältnisse unerheblich. Wem auch immer ein Stück Wald gehört: Alle dürfen es betreten und darin wild wachsende Beeren pflücken und Pilzesammeln. Einzig Gebiete, die zum Schutz des Jungwuchses respektive aus Sicherheits- oder aus Naturschutzgründen abgesperrt sind, dürfen nicht betreten werden.

Wurzeln im 13. Jahrhundert

Das grösste zusammenhängende Waldgebiet in der Stadt Winterthur ist der Eschenbergwald. Seine Ausdehnung beträgt heute rund 7,6 Quadratkilometer.

Auf dem Eschenberg wachsen Eschen; daher der Name dieses Waldgebietes. Die erste Behauptung stimmt, die zweite nicht unbedingt. Zwar könnte durchaus die althochdeutsche Bezeichnung ask (Esche) namengebend gewesen sein. Ebenso könnten aber auch die althochdeutschen Begriffe ezzisc (Saatfeld; Ort des Ackerbaus) oder asca (Asche; Rodung durch Feuer) zum Namen Eschenberg geführt haben. Alle drei Erklärungen ergäben einen Sinn.

Der Eschenbergwald bildet historisch gesehen das Fundament der Winterthurer Stadtwaldungen, der Wälder also, die heute der Stadt Winterthur gehören. In den Geschichtsbüchern taucht der Eschenberg schon früh auf; bereits 1246 wurde der Aschaberk urkundlich erwähnt. Unter dem Gesichtspunkt der Besitzverhältnisse liegen die Wurzeln der Winterthurer Stadtwälder also im 13. Jahrhundert. Damals kam die Stadt zwar noch nicht in den Besitz dieses Waldgebietes, doch immerhin zum unbestrittenen Nutzungsrecht.

Die Kyburger, eines der grossen Herrschergeschlechter des 13. Jahrhunderts, dominierten damals die Region um Winterthur, und ihnen gehörten als Stadtherren von Winterthur unter anderen auch die Wälder Eschenberg und Lindberg. Als 1264 Graf Hartmann, der letzte Kyburger Graf, ohne Nachkommen starb, fiel das ganze Erbe an seine Schwester, die mit einem Habsburger verheiratet war. Noch im selben Jahr erneuerte Graf Rudolf von Habsburg, ein Neffe des verstorbenen Kyburger Grafen, das Winterthurer Stadtrecht. Dadurch kamen die Winterthurer zum endgültigen Nutzungsrecht für den Eschenbergwald.

Sie konnten den Eschenbergwald zwar auch früher nutzen, doch bis zur Erneuerung des Stadtrechts schuldeten sie der Obrigkeit dafür eine Abgabe. Ganz anders die Bauern: Sie konnten seit je ihren Eigenbedarf unentgeltlich aus den Wäldern der Herrschaft decken. Der neue Stadtbrief räumte dieses Recht allen Bürgerinnen und Bürgern der Dorfgemeinde Niederwinterthur ein. Nun konnten auch sie nach Belieben den Eschenbergwald plündern: Holz schlagen, das Vieh weiden lassen oder Streue und Futter sammeln – alles ganz umsonst. Das Jagdrecht indes behielt Rudolf von Habsburg – ab 1273 deutscher König – für sich.

Im Stadtrechtsbrief von 1264 heisst es:

Item der wald genant Eschaberg sol mit dem gemeinen rëchte, daz ze tütsch genëmt wirt gemeinmerch, von nun an fürbass hin in den brûch der genanten stat vallen; in zîlen und marchen, gerëchtigkeiten und burdinen, wie die bishin von altem hër kunt sint.

Diese Bestimmung war klar: Der Eschenberg soll in alle Zukunft gemeinmerch – gemeine Mark oder im weiteren Sinne Allmend – der Stadt Winterthur sein, das heisst gemeines, unverteiltes Gut, das den Gesamtinteressen dient. Zu deren Schutz erliess die Stadt Verordnungen: Wer dagegen verstiess, wurde bestraft.

Allerdings war die Stadt nicht alleinige Nutzniesserin des Eschenbergwaldes. Zahlreiche Mitnutzer, darunter natürlich das Haus Kyburg selbst und die ihm gehörenden Höfe auf dem Eschenberg, bedienten sich vorerst nach Lust und Laune aus diesem Waldgebiet. Zu den Nutzniessern des Eschenbergwaldes gehörte lange Zeit auch der Veltemer Weingarten; er bezog aus diesem Waldgebiet seine Rebstickel – und das waren nicht wenige: noch Ende des 17. Jahrhunderts rund 7000 Stück pro Jahr.

Der Eschenberg wurde der Stadt also nicht geschenkt, sondern blieb zunächst im Besitz Rudolfs von Habsburg und ging dann 1452 in den Besitz der neuen Herrschaft, der Stadt Zürich über – mitsamt der Hofgemeinschaft Eschenberg und einigen anderen nahe gelegenen Höfen.

Das Jagdrecht blieb wie schon erwähnt bei Kyburg, dann bei Zürich. Für einige Brisanz sorgte die Falkenjagd. Ihretwegen gerieten sich Zürich und Winterthur im Jahre 1502 in die Haare. Winterthur bat Habsburg um Hilfe – vergeblich: Zürich stellte klar, dass das Federspiel im Eschenbergwald Sache der Bürger von Zürich sei. Später verpachtete die Hauptstadt die Falkenjagd, die bis ins 18. Jahrhundert gepflegt wurde, vor allem an Winterthur. Das war den Winterthurern indes nicht genug: Sie hatten mit Zürich ein Abkommen getroffen, in dem ihnen innerhalb der Landvogtei Kyburg bestimmte Jagdreviere zuerkannt wurden. Zu diesen gehörte ab 1715 auch der Eschenberg. Weitere zugewiesene Jagdgebiete befanden sich im Lindbergwald.

Nach und nach verwischten sich die Rechtsverhältnisse um den Eschenbergwald; das wirtschaftlich bedeutende Nutzungsrecht verfestigte sich zum Eigentum. Gleichzeitig verschwand das wirtschaftlich unbedeutende Jagdrecht der Obrigkeit. Nur die Höfe blieben vorerst Eigentum fremder Vögte.

Landwirtschaft statt Wald

Der Eschenbergwald war im Mittelalter kleiner als heute. Eigentliche Rodungswellen hatten den Wald vielerorts weggefegt und ausgedehntes Acker- und Weideland hinterlassen. Auf der Landkarte von Johann Conrad Gyger aus dem Jahre 1660 sind die grossen waldfreien Gebiete auf dem Eschenberg noch deutlich zu sehen. Damals war der Eschenberghof nicht wie heute vollständig von Wald umgeben, sondern mit dem nicht mehr bestehenden Hof Häsental bei Sennhof durch Kulturland verbunden. Dieses Landwirtschaftsgebiet war mehr als doppelt so gross wie die heutige Waldlichtung. Auch die heute bewaldeten Täler Häsental und Leisental waren bis Mitte des letzten Jahrhunderts landwirtschaftlich genutzte Gebiete.

Zug um Zug kaufte die Stadt die zur Kyburg und später zur Stadt Zürich gehörenden Höfe auf dem Eschenberg auf. Diesen stand bis dahin noch immer das Recht zu, im Eschenbergwald zu holzen und ihre Tiere weiden zu lassen. Von diesen Einschränkungen wollten sich die Winterthurer befreien: Zwischen 1520 und1756 erwarbdie Stadt deshalb die Höfe Höngg (1520) und Brunnenwinkel (1526) im Westen des Eschenbergs sowie die Höfe im Leisental (1520) und im Häsental (1756). Die Hofgemeinschaft Eschenberg schliesslich kam nach und nach ebenfalls in den Besitz Winterthurs (1598/1699/1725).

In den dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts begann die Stadt diese Gebiete aufzuforsten: Die aufgekauften Höfe verschwanden, die entsprechenden Gebäude wurden abgerissen und das ehemalige Landwirtschaftsland wieder zu Wald. Eindrücklich ist die Aufforstung des alten Bauerngutes im Leisental 1850: Nach 350 Jahren bäuerlicher Nutzung wurde aus diesem Landwirtschaftsgebiet eine für Winterthur einmalige Waldlandschaft.

Von den meisten Höfen blieb nichts mehr übrig ausser den heute noch gebräuchlichen Flurnamen. Einzig einen Teil der ehemaligen Hofgemeinschaft Eschenberg hat die Stadt erhalten, zur Wirtschaft umgebaut und 1989 mit einem neuen Landwirtschaftsbetrieb ergänzt.

So wie die Höfe auf dem Eschenberg verschwanden auch die Mühle am Hinteren Chrebsbach und die Burg auf dem Gamser. Sie soll ein Vorposten der Kyburg gewesen sein, um den Eingang ins obere Tösstal zu sichern. Die gleiche Aufgabe hatte wohl auch die Burg Langenberg, die über dem Reitplatz stand.

Vom Bruderhaus zum Forsthaus

Mitten in einer Waldlichtung im Eschenbergwald liegt das Bruderhaus, ein ehemals kleines Landwirtschaftsgut. Während Jahrhunderten zogen sich gläubige Männer – und zwischenzeitlich auch Frauen – ins Bruderhaus zurück, um da ungestört Gott dienen zu können. Doch die Waldbrüder lebten nicht immer gottesfürchtig: Ihr unflätiges Benehmen bot immer wieder Anlass zu Strafen durch den Scharfrichter. Einer der Brüder landete 1522 sogar auf dem Scheiterhaufen. Drei Jahre später endeten auch die Altarstatuten in den Flammen: Die Reformation legte die Kapelle still. In dieser Zeit nahm die Stadt das Bruderhaus in Besitz.

Nachdem 1530 der letzte Waldbruder gestorben war, wurde das Bruderhaus zum Ruhesitz für Betagte. 1786 wurde die Kapelle abgebrochen, und 1818 wandelte die Stadt das Bruderhaus ins städtische Forsthaus um. Bis 1830 blieb es Wohnsitz des ersten Stadtforstmeisters Andreas Weinmann. Dann fanden die Winterthurer, «es sei nicht gut, dass der Forstmeister dauernd unter Bäumen lebe», er müsse auch im Kontakt mit seinen Mitbürgern bleiben. Seit 1838 ist das Bruderhaus ein Waldwirtshaus. 1890 legte ein Wildparkverein ein Gehege an, das die Stadt Mitte dieses Jahrhunderts mitsamt dem Tierbestand übernahm. 1971 wurde die alte Wirtschaft umgebaut und vergrössert und der kleine Landwirtschaftsbetrieb aufgegeben.

Lindbergwald inbegriffen

Wie der Wald auf dem Lindberg ursprünglich in den Besitz der Stadt kam, ist nicht bekannt, denn über den Erwerb dieses Waldes liegen keine Akten vor. Zumindest ein Teil des Limpergsgehört aber sicher seit dem 13. Jahrhundert der Stadt.

Der Lindbergwald war wahrscheinlich schon zur Zeit Rudolfs von Habsburg grösstenteils in derWaldung Eschenberg inbegriffen. Entsprechend kamen die Winterthurer ebenfalls per Stadtrechtsbrief zum endgültigen Nutzungsrecht. Und wie beim Eschenberg blieben Jagdrecht und Gerichtsbarkeit beim Eigentümer; zuerst bei Kyburg, dann bei Habsburg und schliesslich bei Zürich.

Immerhin hat die Stadt im vorderen Teil des Lindbergs einige Gebiete hinzugekauft: die Höfe Lörlibad (1527) mit den drei dazugehörenden Quellen und Süsenberg (1593). Bereits vor 1478 waren die ehemaligen Lindberghöfe Ackern, Altenburg und Lindberg im Besitz der Stadt.

Heute gehören der Stadt Winterthur die Gebiete Ischluss, Süsenberg, Eichwald, Eichbüel, Römerholz, Weiherholz, Eggenzahn und Stockbrunnen im westlichen Teil des Lindbergwaldes. Im Ostteil besitzt die Holzkorporation Oberwinterthur das Gebiet Rütenen-Erlen, und Privaten wiederum gehören Waldparzellen gegen Reutlingen und im Mockentobel.

In den Waldgebieten Schönbühl, Egg, Elend und Brudergarten nördlich von Stadel übernahm die Stadt zahlreiche Parzellen, als sie 1598 das Schloss Mörsburg erwarb. Zwischen 1903 und 1912 kaufte sie vor allem um die Mörsburg herum weitere Waldparzellen auf.

Viehweide am Brüelberg

Über den Kauf des Brüelbergwaldes ist wenig bekannt. Vermutungen zufolge soll er zur Herrschaft Wülflingen gehört haben und schliesslich vom damaligen Besitzer an die Stadt verkauft worden sein. Andere Mutmassungen besagen, dass er als Weide- oder Waldboden von jeher der Stadt gehörte. Diese Hypothese erhält Unterstützung durch den Namen Brüelberg. Er soll sich aus dem althochdeutschen broil oder bruilherleiten, womit eine wasserreiche, buschige Wiese, Aue oder ein Rasenplatz gemeint ist. Zumindest der untere Teil gegen die Eulach war früher eine Viehweide. Die Waldpartie im Westen des Brüelbergs gehörte bis vor 75 Jahren zum Gemeindewald Wülflingen. Sie kam mit der Eingemeindung der Vororte 1922 zur Stadt. Die Wälder um Alt Wülflingen kaufte die Stadt im Jahre 1760 Oberst Salomon Hirzel ab.

Wie zahlreiche andere Waldgebiete in Winterthur wurde auch der Etzberg einst landwirtschaftlich genutzt und später aufgeforstet. Der Etzberg war schon im Frühmittelalter besiedelt. Aus dieser Zeit dürfte auch sein Name stammen: Der erste Besiedler soll Ezzo gewesen sein. Die Waldlichtung auf dem Etzberg bestand bis Mitte des letzten Jahrhunderts. Neben Ackerbau und Milchwirtschaft wurde dort auch etwas Rebbau betrieben.

Was die Besitzverhältnisse betrifft, so hat der Etzberg eine bewegte Geschichte: Immer wieder wechselten einzelne Gebiete die Hand. Der Etzberg war schon früh im Besitz reicher Familien. Zu ihrem Seelenheil vermachten viele ihre Höfe der Kirche – zu Eigentum oder zur Nutzung. Später verkauften die zum Teil hoch verschuldeten Kirchen diese Besitztümer weiter. So musste zum Beispiel das Kloster Petershausen seinen Besitzanteil am Etzberg im Jahr 1580 an die Stadt Zürich verkaufen. Als 1825 der letzte Pächter dieses Gutsbetriebs starb, begann das kantonale Forstamt mit der Aufforstung des heute noch bestehenden Staatswaldes auf dem Hinter Etzberg. Der Hof auf dem vorderen Etzberg wurde 1847 von der Gemeinde Seen übernommen und später aufgeforstet.

Waldrodungen im Vogelsang

Im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts erlebte die Winterthurer Industrie einen rasanten Aufschwung. In jene Zeit fielen auch die Gründungen von Banken und Handelshäusern und der Schweizerischen Unfallversicherungsgesellschaft. Sie dokumentieren den Beginn einer florierenden Wirtschaft. Die Winterthurer Bevölkerung wuchs rasch an – und mit ihr auch der Bedarf an Bau- und Industrieland. Doch genau daran fehlte es allenthalben.

Deshalb wollte die Stadt die damaligen Waldgebiete Vogelsang und das südlich davon gelegene Gulimoos roden. Zwar verlangte das zürcherische Forstgesetz für Rodungen schon damals gleich grosse Ersatzaufforstungen. Ob allerdings auch die Stadt für die geplanten Rodungen im Vogelsang und Gulimoos solche Aufforstungen hätte vornehmen müssen, ist unklar. Denn seit 1838 hatte die Stadt einen grossen Teil des Kulturlandes der Eschenberghöfe und der früheren Höfe Häsental und Linsental freiwillig aufgeforstet – insgesamt mehr als 1,4 Quadratkilometer. Ausserdem verlangte auf eidgenössischer Ebene erst das Forstgesetz von 1902 für jede Rodung zwingend eine Ersatzaufforstung. Und Paul Lang – Stadtforstmeister von 1928 bis 1960 – folgerte daraus, dass die Stadt auch ohne Ersatzaufforstungen grössere Flächen hätte roden dürfen.

Wie auch immer: Der Stadt war damals viel daran gelegen, ihren Waldbesitz – immerhin eine wichtige Einnahmequelle – nicht zu verkleinern. Sie sah sich deshalb nach zusätzlichen Waldgebieten ausserhalb ihrer Grenzen um und fand solche auch – oberhalb von Turbenthal im Tösstal. Die Gemeindeversammlung bewilligte 1873 den Kauf der betreffenden Parzellen. Die Stadt erwarb also vier Höfe am Kümbergin Turbenthal – mitsamt umliegendem Acker- und Wiesland und grösseren, allerdings heruntergewirtschafteten Waldparzellen: insgesamt rund 93 Hektaren. Dieser Kauf als Ersatz für die zur Rodung vorgesehenen Waldgebiete Vogelsang und Gulimoos wurde vom damaligen Stadtforstmeister Kaspar Weinmann stark gefördert.

Der Wald im Vogelsang wurde schliesslich gerodet, im Gulimoos hingegen blieb er stehen. Die Höfe am Kümberg wurden abgerissen und das dortige Gebiet aufgeforstet. Die Rendite allerdings liess auf sich warten. Weil das Gebiet während 25 Jahren unverändert klein blieb und die Last des Nationalbahndebakels schwer drückte, wurden gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts immer häufiger Stimmen laut, die einen Verkauf des Kümbergwaldes an den Kanton forderten. Der kaufte damals ohnehin Gebiete in der Region des Tössstocks, um durch Aufforstungen die wilde Töss zu bändigen. Doch aus diesem Geschäft wurde nichts: Der damalige Stadtforstmeister wehrte sich erfolgreich gegen den Verkauf des Kümbergwaldes. Dieses Waldrevier hat die Stadt seither durch weitere Ankäufe und Aufforstungen ständig vergrössert. So auch damals, als für den Friedhof Rosenberg und die Kläranlage Hard Wald gerodet wurde. Bei der Stadtvereinigung war das Revier Kümberg 150 Hektaren gross, heute umfasst es 180 Hektaren. Um für die wachsende Bevölkerung genügend Trinkwasserfassungen bereitstellen zu können, begann die Stadt noch im letzten Jahrhundert, grundwasserreiche Gebiete im Tösstal zwischen Rämismühle und Rikon aufzukaufen. So entstand das Stadtwaldrevier Hornsäge, das heute rund 28 Hektaren umfasst.

Die in jüngerer Zeit wohl bedeutendste Erweiterung der Winterthurer Waldfläche erfolgte vor 75 Jahren: Mit der Eingemeindung der Vororte im Jahre 1922 vergrösserte die Stadt Winterthur ihren Waldbesitz mit einem Schlag um rund 50 Prozent, von 1209 auf 1787 Hektaren.

Wie die ehemaligen Vorortsgemeinden vor der Eingemeindung zu ihren Wäldern kamen, ist nur teilweise dokumentiert. Immerhin wissen wir genau, welche Wälder die Vorortsgemeinden in die Stadtvereinigung mitbrachten: So gehörten zum damaligen Gemeindewald Wülflingen die Waldgebiete Hard, Beerenberg, Brüelberg und Chomberg. Die Gemeinde Veltheim besass das beachtliche Waldgebiet auf dem Wolfensberg. Der Gemeinde Seen gehörten die Waldgebiete Nübrechten und Etzberg, und die Gemeinde Töss besass verschiedene kleinere Waldparzellen aus dem früheren Klosterbesitz. Schliesslich bleiben noch die Waldgebiete Bestlet und Hulmen: Sie gehörten den ehemaligen Zivilgemeinden Oberseen und Eidberg.

Anmerkungen

  1. 1 Quadratkilometer (km²) = 100 Hektaren (ha) = 10000 Aren (a) = 1000000 Quadratmeter (m²)
  2. Pilzschontage im Kanton Zürich: Vom 1. bis zum 10. jeden Monats besteht ein absolutes Sammelverbot. Ab dem 11. jedes Monats dürfen pro Person und Tag nur 1 Kilogramm Pilze gesammelt werden.

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Michael Wiesner ist Biologe. Er hat an der ETH Zürich Naturwissenschaften studiert und in der Fachrichtung Geobotanik bei Prof. Dr. Elias Landolt abgeschlossen. Seine Beiträge finden sich auch auf Facebook, auf Twitter, auf Flickr, auf Vimeo und auf Youtube.

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